Schroders | Was bedeutet Stagflation für Aktieninvestoren und Asset Allocators?
Duncan Lamont, Head of Strategic Research bei Schroders
Investmentfonds.de - Vor dem Hintergrund eines wachsenden Stagflationsrisikos untersucht Duncan Lamont, Head of Strategic Research bei Schroders, warum man das klassische 60/40-Portfolio nicht gänzlich abschreiben sollte und mit welchen Maßnahmen Investoren ihre traditionellen Portfolios im Hinblick auf ein stagflationäres Umfeld anpassen können, in einer aktuellen Analyse.
Berichte über den Tod des 60/40-Portfolios sind stark übertrieben
Es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht lautstark verkündet wird, dass das klassische 60/40-Portfolio – 60 % Aktien, 40 % Staatsanleihen – nicht mehr zeitgemäß sei. Da Stagflation sowohl für Aktien als auch für Anleihen eine Bedrohung darstellt, steht dieses Thema erneut ganz oben auf der Agenda.Für Aktien ist schwaches Wachstum schlecht für den Umsatz, da Unternehmen und Verbraucher ihre Ausgaben zurückfahren. Hohe Inflation verschärft das Problem. In einer boomenden Wirtschaft können Unternehmen höhere Inputkosten an die Verbraucher weitergeben. Wenn die Nachfrage bereits schwach ist, gelingt das kaum. Stattdessen leiden häufig die Unternehmensgewinnmargen, was zusätzlichen Abwärtsdruck auf die Erträge erzeugt. Hohe Inflation war historisch zudem mit niedrigeren Bewertungsmultiplikatoren verbunden – unter anderem deshalb, weil höhere Inflation zu höheren Anleiherenditen führt, die wiederum die zur Aktienbewertung verwendeten Modelle beeinflussen.
Für Anleihen ist der Übertragungsmechanismus noch einfacher: Höhere Inflation mindert den Wert der fixen Zinszahlungen, die sie bieten. Investoren verlangen höhere Renditen als Ausgleich, und die Anleihekurse fallen.
Diese doppelte Belastung hat zur Folge, dass Anleihen die risikoreduzierende Rolle neben Aktien, an die Investoren gewöhnt sind, weniger zuverlässig erfüllen können. Die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen ist tendenziell eher positiv als negativ, wenn Inflation der treibende Faktor an den Märkten ist – sie fallen und steigen dann gemeinsam. Das stellt eine erhebliche Herausforderung in der Asset Allocation dar.
Negative Korrelation zwischen Aktien und Anleihen – ein relativ neues Phänomen
Man muss wissen, dass eine positive Korrelation zwischen Aktien und Anleihen über mehrere Jahrzehnte vor den späten 1990er-Jahren die Norm war. Es ist auch bemerkenswert, dass dies genau die Zeit war, in der das 60/40-Portfolio an Popularität gewann. Damals war die Motivation für den Kauf von Anleihen die Erzielung von Einkommen bzw. Zinserträgen – und nicht eine negative Korrelation. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.Aktien sind also mit zusätzlichen Risiken konfrontiert, Anleihen ebenfalls – und auch ihre Fähigkeit, sich gegenläufig zu entwickeln, steht unter Druck. Dennoch sollte das 60/40-Portfolio nicht vorschnell abgeschrieben werden.
Auf Basis von Daten seit 1926 lag die jährliche Realrendite für Aktien im Median in einem Stagflationsjahr bei etwa 0 %. Das ist weniger, als Investoren langfristig von Aktien erwarten würden – aber in einem Hochinflationsumfeld ist eine Rendite nahe der Inflation kein schlechtes Ergebnis. Aktien haben zudem mehrheitlich Geldmarktanlagen übertroffen.
Langfristige Staatsanleihen haben erwartungsgemäß Schwierigkeiten, und das 60/40-Portfolio schneidet in Stagflationsjahren schwächer ab als in anderen Umfeldern. Bemerkenswert ist jedoch, dass das 60/40 über die Stagflationsjahre hinweg eine höhere Medianrendite erzielt hat als Aktien oder Anleihen allein. Die Diversifizierungsvorteile sind weniger zuverlässig – aber sie verschwinden nicht vollständig.
Das 60/40-Portfolio hat zudem häufiger besser als Geldmarktanlagen abgeschnitten: In 65 % der Stagflationsjahre gelang das, gegenüber 59 % bei Aktien allein.
Abbildung 1: In Stagflationsphasen erzielt das 60/40-Portfolio im Median ein besseres Ergebnis als Aktien oder Anleihen in der Isolation
Reale Renditen bei Inflations- und Wachstumsraten über bzw. unter ihrem 10-Jahres-Durchschnitt, Daten für die Kalenderjahre 1926–2025
Quelle: Morningstar Direct, abgerufen über das CFA Institute, LSEG Datastream, S&P und Schroders.
Lässt sich das klassische 60/40-Modell verbessern?
Ja – durch eine einzige Anpassung: die Verkürzung der Duration des Anleiheportfolios. Anleihen mit kürzerer Duration reagieren weniger empfindlich auf Renditeänderungen, was das Abwärtsrisiko reduziert. Die historische Analyse zeigt, dass der Einsatz von 5-jährigen Staatsanleihen anstelle von langlaufenden Anleihen (>20 Jahre) die Risiko-Rendite-Dynamik verbessert hat.Diese Taktik lässt sich auch auf Unternehmensanleihen übertragen. Kurzlaufende Anleihen bieten eine größere Sicherheitsmarge als langlaufende. Bei einer wie aktuell aufwärts gerichteten Zinskurve besteht der Kompromiss darin, eine niedrigere Rendite zu akzeptieren. Historisch hat sich die geringere Sensitivität gegenüber steigenden Renditen jedoch bewährt.
Abbildung 2: Kurzlaufende Anleihen können einen deutlich größeren Renditeanstieg absorbieren, bevor Investoren Geld verlieren
Quelle: Schroders, LSEG Datastream, ICE Data Indices, J.P. Morgan. Stand: 31. Mai 2026. Rendite = „Yield to Worst“. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftige Wertentwicklung und lässt sich möglicherweise nicht wiederholen.
Eine weitere Strategie für Anleger im Bereich festverzinslicher Wertpapiere besteht darin, variabel verzinsliche Wertpapiere wie Leveraged Loans oder verbriefte Kredite bzw. Asset-Based Finance in Betracht zu ziehen. Der Kupon ist dort an die kurzfristigen Zinssätze gekoppelt. Wenn die Zentralbanken zur Bekämpfung der Inflation die Zinsen anheben, steigert dies deren Erträge und Renditen.
Ein Risiko für Unternehmensanleihe-Investoren
Credit Spreads steigen in Stagflationsjahren typischerweise, mit einem Anstieg von 0,3 % im Mittel. Das ist für Unternehmensanleihe-Investoren heute eine besondere Herausforderung, da die Spreads in der Nähe ihrer engsten Niveaus seit 20 Jahren liegen. Ein Anstieg von lediglich 0,1 % bis 0,2 % würde ausreichen, um Investment-Grade-Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen underperformen zu lassen. Das Risiko, dass genau dies eintritt, sollten wir in eine Stagflation gleiten, ist erheblich.Das ist insbesondere dort relevant, wo Investoren taktisch in Unternehmensanleihen investieren. Für jene, die bis zur Fälligkeit halten möchten, ist die Situation weniger kritisch: Hier ist das Kreditrisiko entscheidender, und historisch lag die durchschnittliche Ausfallrate bei Investment-Grade-Anleihen seit 1920 bei 0,1 % – das heißt, 99,9 % sind in einem gegebenen Jahr nicht ausgefallen. Es gibt keinen Grund für Buy-and-Hold-Investoren in Investment-Grade-Anleihen, überstürzt zu verkaufen. Dennoch wird eine Verkürzung der Duration des Portfolios die Sensitivität der Gesamtrenditen gegenüber steigenden Renditen reduzieren.
Feinabstimmung der Aktienallokation
Die Wechselwirkung bei der Wertentwicklung von Aktienstilen oder Sektoren mit Inflation und Wachstum kann komplex sein. Wir haben die verschiedenen Zusammenhänge auf neuartige Weise in der folgenden Tabelle zusammengefasst, die auf Daten seit 1963 basiert. Die Tabelle bedarf zwar einiger Erläuterungen, bietet jedoch eine nützliche mehrdimensionale Darstellung der Daten.Abbildung 3: Welche Anlagestile und Sektoren entwickeln sich gut, wenn das Wachstum nachlässt und/oder die Inflation hoch ist und weiter steigt?
Quelle: Datenbibliothek von Kenneth French, Schroders. Quartalsdaten 1963–2025. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für die zukünftige Wertentwicklung und lässt sich möglicherweise nicht wiederholen.
Unter den Aktienstilen sticht Quality besonders hervor. Unternehmen mit höherer operativer Profitabilität haben in mehr als 60 % der Fälle, in denen das Wachstum schwach oder die Inflation hoch und steigend war, weniger profitable Unternehmen übertroffen. Die durchschnittliche Outperformance lag bei 4 % auf annualisierter Basis. Quality hatte in den letzten Jahren eine schwierige Performance – aber es gibt ein starkes Argument, diesen Stil angesichts der aktuellen makroökonomischen Kräfte zu übergewichten.
Auch Value hat Growth übertroffen. Wachstumswerte werden oft mit höheren KGV-Multiplikatoren gehandelt, weil zukünftige Erträge eingepreist werden. Die höheren Zinsen, die typischerweise mit Stagflation einhergehen, erhöhen jedoch den Diskontierungssatz für diese Erträge. Das mindert ihren Gegenwartswert überproportional und macht Wachstumswerte anfälliger. Value-Unternehmen verfügen über eine größere Sicherheitsmarge aufgrund ihrer relativ niedrigen Ausgangsbewertungen.
Wichtig für den heutigen Kapitalinvestitionszyklus: Unternehmen mit konservativeren Investitionsstrategien haben in der Regel jene mit aggressiveren Strategien übertroffen, wenn die Inflation hoch und steigend war. Der Grund: Die höheren Zinsen in diesem Szenario wirken sich negativ auf die Fremdfinanzierungskosten aus, die aggressivere Investitionsstrategien unterstützen. Da der globale Markt von Unternehmen dominiert wird, die einen der größten Kapitalinvestitionszyklen der Geschichte beginnen, sind Indexinvestoren stark exponiert.
Fazit
Das bekannte 60/40-Portfolio ist nicht tot. Aber Investoren können durch folgende Maßnahmen ihre Erfolgschancen verbessern, wenn die globale Wirtschaft in eine stagflationäre Richtung aus schwächerem Wachstum und höherer Inflation einschlägt:- 1. In Anleiheportfolios: Verkürzung der Duration.
- 2. Bei Aktien
- a. Erhöhung des Engagements in den Anlagestilen „Quality“ und „Value“, um das wachstumslastige Engagement am globalen Markt auszugleichen.
- b. Erhöhung des Engagements im Energiesektor durch spezialisierte Allokationen oder regionale Ausrichtungen.
- c.Erhöhung des Engagements in defensiven Sektoren und Unternehmen.
- d. Möglicherweise die Einbeziehung von Goldaktien.
- 3. Aufstockung der Allokationen in Rohstoffen und Hedgefonds.
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Die Aussagen einer bestimmten Person geben deren persönliche Einschätzung wieder (Schroder Investment Management). Die zur Verfügung gestellten Informationen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellen keine Beratung dar (Schroder Investment Management)
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