INVEXTRA.COM AG | Schützen Aktien vor Inflation?
Dipl.-Kfm. Raimund Tittes, Vorstand der Kölner Investmentberatung INVEXTRA.COM AG
Inflation, Aktien und reale Gewinne: Was die Mathematik tatsächlich hergibt
Investmentfonds.de - In einem Umfeld hoher Staatsverschuldung und dauerhaft niedriger Realrenditen gewinnen reale Anlagen gegenüber rein nominalen Anlageformen an Bedeutung. Dazu zählen insbesondere Aktien als Beteiligung an produktiven Unternehmenswerten.
„Der Grundgedanke ist zunächst plausibel: Während eine nominale Staatsanleihe einen weitgehend fixierten Zahlungsstrom liefert, sind Unternehmen Teil der realen Wirtschaft. Ihre Preise, Umsätze und Kosten können sich an ein verändertes Preisniveau anpassen. Unternehmen mit Preissetzungsmacht können steigende Kosten zumindest teilweise über höhere Verkaufspreise weitergeben.“, sagt Diplom Kaufmann Raimund Titte, CEO der INVEXTRA.COM AG.
Doch an einem Punkt wird die Argumentation häufig zu stark verkürzt:
„Umsätze und Gewinne wachsen somit mit dem Preisniveau.“
Für die Umsätze kann diese Aussage unter bestimmten Bedingungen noch gelten. Für die Gewinne gilt sie nicht ohne Weiteres. Und genau hier lohnt sich ein Blick auf die Mathematik.
Inflation lässt den nominalen Gewinn steigen – aber nicht zwingend den realen Gewinn
Nehmen wir ein vereinfachtes Unternehmen:
- Umsatz: 100
- Kosten: 80
- Gewinn: 20
- Umsatz: 110
- Kosten: 88
- Gewinn: 22
Doch diese 22 sind nominale Einheiten. Bereinigt man sie um die 10 Prozent Inflation:
- 22 / 1,10 = 20
Das ist der entscheidende Punkt: Inflation allein erzeugt keinen realen Mehrgewinn.
Inflation - Realgewinn - Aktien
Quelle: Invextra
Wenn sämtliche Preise und Kosten proportional steigen, werden zwar die nominalen Größen größer, die wirtschaftliche Substanz des Unternehmens verändert sich dadurch aber nicht.
Was muss passieren, damit der reale Gewinn tatsächlich steigt?
Damit aus der Inflation ein real höherer Gewinn entsteht, muss zusätzlich etwas geschehen.
Ein wichtiger Faktor ist die Produktivität. Wenn ein Unternehmen beispielsweise mit denselben Ressourcen mehr produziert, sinken die realen Stückkosten. Dann kann der reale Gewinn tatsächlich wachsen.
Auch reales Mengenwachstum kann die Gewinne erhöhen: Wenn ein Unternehmen nicht nur seine Preise erhöht, sondern tatsächlich mehr Güter oder Dienstleistungen verkauft, entsteht zusätzliches reales Einkommen.
Das gilt ebenso für technologische Verbesserungen, Skaleneffekte oder andere Effizienzsteigerungen.
Entscheidend ist also nicht allein:
„Steigen die Umsätze mit der Inflation?“
sondern:
„Steigen die realen Umsätze und die reale Wertschöpfung schneller als die realen Kosten?“
Was ist mit steigenden Margen?
Hier muss man ebenfalls sauber unterscheiden.Angenommen, die Verkaufspreise steigen um 10 Prozent, die Kosten aber nur um 7 Prozent. Dann steigt die Gewinnmarge. Das Unternehmen erzielt einen höheren realen Gewinn.
Aber die Ursache dieses zusätzlichen realen Gewinns ist nicht die Inflation als solche. Entscheidend ist vielmehr, dass sich die relativen Preise zugunsten des Unternehmens verändert haben.
Das kann beispielsweise durch höhere Preissetzungsmacht, eine Veränderung der Wettbewerbsbedingungen oder eine Verschiebung der Verteilung der Wertschöpfung entstehen.
Für die Betrachtung eines reinen Inflationsszenarios sollte man diesen Effekt deshalb nicht einfach der Inflation zuschreiben.
Was bedeutet das für Aktien als Anlageklasse?
Damit wird auch die Argumentation für Aktien präziser.Aktien sind nicht deshalb ein guter langfristiger Baustein für den realen Vermögensaufbau, weil Inflation automatisch zu steigenden realen Unternehmensgewinnen führt.
Der interessantere Punkt ist:
Eine Aktie repräsentiert einen Anteil an einem realen Unternehmen mit realen Vermögenswerten und einer realen wirtschaftlichen Tätigkeit.Dazu gehören beispielsweise Produktionsanlagen, Technologie, Marken, Patente, Know-how und Kundenbeziehungen. Die Preise der vom Unternehmen verkauften Produkte können sich langfristig an ein höheres nominales Preisniveau anpassen.
Dadurch haben Unternehmens-Cashflows grundsätzlich die Möglichkeit, sich an Inflation anzupassen. Das unterscheidet sie von einem rein nominalen Zahlungsversprechen, dessen zukünftige Kaufkraft durch Inflation geschmälert wird.
Aber diese Anpassungsfähigkeit ist kein Automatismus.
Ein Unternehmen, das seine Preise nicht ausreichend erhöhen kann, während gleichzeitig Löhne, Energie, Vorprodukte und Finanzierungskosten steigen, kann durch Inflation sogar unter Druck geraten.
Die entscheidende Frage lautet daher:
Wie viel der Inflation kann ein Unternehmen über seine Preise weitergeben, ohne dass Absatz und Wettbewerbsposition darunter leiden – und wie entwickeln sich gleichzeitig Produktivität und reale Kosten?
Die präzisere Schlussfolgerung
Für Anleger würde ich deshalb die ursprüngliche Aussage nicht so formulieren:„Umsätze und Gewinne wachsen somit mit dem Preisniveau.“
Sondern:
„Unternehmen können steigende Kosten häufig zumindest teilweise über höhere Preise weitergeben. Dadurch können ihre nominalen Umsätze und Gewinne mit dem Preisniveau steigen. Ein reales Gewinnwachstum entsteht dadurch jedoch nicht automatisch: Dafür müssen beispielsweise Produktivität, Absatzmengen oder die reale Gewinnmarge steigen.“
Damit ist auch die Aussage über Aktien wesentlich belastbarer.
Aktien sind keine Garantie gegen Inflation. Sie bieten vielmehr eine Beteiligung an Unternehmen, deren reale wirtschaftliche Tätigkeit und Cashflows sich langfristig an veränderte nominale Rahmenbedingungen anpassen können.Gerade in einem Szenario dauerhaft höherer Inflation und niedriger Realrenditen auf US-Staatsanleihen kann diese Eigenschaft attraktiv sein. Der Anleger sollte aber nicht den Fehler machen, nominales Gewinnwachstum mit realem Gewinnwachstum gleichzusetzen.
Denn die Mathematik ist hier eindeutig:
Inflation allein macht die Zahlen größer – nicht zwangsläufig das Unternehmen reicher.- Ende der Nachricht
Die Aussagen einer bestimmten Person geben deren persönliche Einschätzung wieder (INVEXTRA.COM AG) erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellen keine Beratung dar (INVEXTRA.COM AG)
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Disclaimer: Diese Meldung ist keine Empfehlung zu einer Fondsanlage und keine individuelle Anlageberatung. Vor jeder Geldanlage in Fonds sollte man sich über Chancen und Risiken beraten und aufklären lassen. Der Wert von Anlagen sowie die mit ihnen erzielten Erträge können sowohl sinken als auch steigen. Unter Umständen erhalten Sie Ihren Anlagebetrag nicht in voller Höhe zurück. Die in diesem Kommentar enthaltenen Informationen stellen weder eine Anlageempfehlung noch ein Angebot oder eine Aufforderung zum Handel mit Anteilen an Wertpapieren oder Finanzinstrumenten dar.
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