Lazard AM | US-Wirtschaft: Robustes Wachstum auf zunehmend schmaler Basis
Ron Temple, Chief Market Strategist von Lazard AM
Investmentfonds.de - Frankfurt, 3. November 2026 – Die US-Wirtschaft zeigt sich weiterhin widerstandsfähig. Doch hinter den soliden Wachstumszahlen verbergen sich nach Einschätzung von Ron Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, zunehmende Ungleichgewichte. Der Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz (KI) trägt einen erheblichen Teil zum Wirtschaftswachstum bei, während die Inflation hoch bleibt und viele private Haushalte unter finanziellem Druck stehen. Gleichzeitig werfen die heutigen US-Zwischenwahlen und die langfristige Entwicklung der Staatsverschuldung Fragen für die Kapitalmärkte auf.
Nach zwei starken Jahren 2024 und 2025 dürfte die US-Wirtschaft auch 2026 robust wachsen. Allerdings sei die Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz inzwischen beträchtlich. „Ich schätze, dass zwischen 40 und 50 Prozent des realen US-Wirtschaftswachstums durch KI getrieben werden“, sagt Temple. Davon gingen nach seiner Einschätzung 25 bis 35 Prozent des gesamten Wachstums auf direkte KI-Investitionen in den USA zurück, weitere zehn bis 15 Prozent auf indirekte Vermögenseffekte im Zusammenhang mit KI. Ob die Wirtschaft ihr reales Wachstum von rund zwei Prozent aufrechterhalten könne, hänge wesentlich von der Fortsetzung dieser Investitionen ab.
Gleichzeitig sieht Temple zunehmende Inflationsrisiken. Im September habe die US-Gesamtinflation bei 3,7 Prozent gelegen, die Kerninflation bei 2,6 Prozent. Besonders aufmerksam beobachtet er die Wohnkosten, denn der landesweite Mietpreisanstieg habe sich zwischen März und August von 1,8 auf 2,5 Prozent beschleunigt. Ron Temple erwartet einen weiteren Anstieg auf mindestens vier Prozent: „Ich glaube, dass Vermieter in den USA erheblichen Spielraum haben, die Mieten weiter zu erhöhen.“ Seit Februar 2020 seien die Immobilienpreise um 54 Prozent und die Hypothekenzinsen um 395 Basispunkte gestiegen. Die monatliche Finanzierung eines durchschnittlichen Eigenheims sei dadurch um 139 Prozent teurer geworden.
„In den USA weitet sich der Inflationsdruck meiner Einschätzung nach aus“, erklärt Temple. Er sei bereits bei Dienstleistungen außerhalb des Wohnungssektors sichtbar und zeige sich zunehmend auch bei Wohnkosten, Energie und Halbleitern. In Europa hingegen sei die Inflation nahezu ausschließlich eine Frage der Energiepreise.
Warum die Verbraucherstimmung trotz Vollbeschäftigung einbricht
Am US-Arbeitsmarkt sieht Temple weiterhin Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote liege bei 4,2 Prozent, während sich der monatliche Beschäftigungszuwachs von durchschnittlich 10.000 Stellen im Jahr 2025 auf 68.000 im laufenden Jahr erholt habe. Damit könne sich die Federal Reserve vor allem auf die Inflationsbekämpfung konzentrieren.Bemerkenswert sei allerdings die ausgesprochen schwache Verbraucherstimmung: Der entsprechende Index der University of Michigan habe im Oktober seinen zweitniedrigsten Stand überhaupt erreicht. Für Temple ist dies Ausdruck einer zunehmend K-förmigen Wirtschaft. Dies beschreibe eine wirtschaftliche Entwicklung, bei der sich die finanzielle Situation verschiedener Bevölkerungsgruppen immer weiter auseinanderentwickelt: Das Nettovermögen der US-Haushalte habe Ende Juni rund 186 Billionen US-Dollar erreicht, doch davon kontrolliere das wohlhabendste Prozent 32,5 Prozent, während auf die untere Hälfte der Haushalte lediglich 2,3 Prozent entfielen.
„Viele dieser Menschen leben im Wesentlichen von ihrem Arbeitseinkommen und verfügen nicht über Vermögenswerte, die mit der Inflation an Wert gewinnen“, erklärt der Marktstratege. Die wiederholten Inflationsschocks hätten sie besonders belastet. Auch die Zahlungsverzüge bei Kreditkarten und Autokrediten lägen auf dem höchsten Niveau seit der globalen Finanzkrise. „Meiner Ansicht nach sind diese Stimmungsindikatoren wahrscheinlich ein besserer Maßstab für politische Ergebnisse als für wirtschaftliche Entwicklungen.“ Wohlhabende Haushalte stützten mit ihrem überproportionalen Anteil an den Konsumausgaben weiterhin das Wirtschaftswachstum.
US-Zwischenwahlen dürften den politischen Kurs nur begrenzt verändern
Die wirtschaftliche Unzufriedenheit dürfte sich nach Einschätzung Temples bei den heutigen Midterms bemerkbar machen. Er erwartet, dass die Demokraten im Repräsentantenhaus 20 bis 30 Sitze hinzugewinnen könnten. Das Lazard Geopolitical Advisory Team beziffere die Wahrscheinlichkeit einer demokratischen Mehrheit dort auf 80 bis 90 Prozent, im Senat auf 55 bis 60 Prozent.Allerdings könnten die wirtschaftspolitischen Konsequenzen geringer ausfallen als erwartet, so der Experte: „Aus Sicht des Gesetzgebers ist es unwahrscheinlich, dass wir in den beiden Jahren nach den Zwischenwahlen bedeutende neue Gesetze sehen werden.“ Selbst bei einer demokratischen Mehrheit in beiden Kammern könne der US-Präsident Gesetze durch sein Veto blockieren. Zunehmen dürften hingegen Konflikte über den Haushalt, die Schuldenobergrenze und die Gesundheitsausgaben. In der Handels- und Außenpolitik behielte die US-Regierung weitreichende Befugnisse. Zusätzliche Regulierungen künstlicher Intelligenz auf Ebene der Bundesstaaten könnten zudem die KI-getriebene Aktienmarktentwicklung belasten.
Staatsverschuldung spricht für dauerhaft höhere Zinsen
Kritisch beurteilt Ron Temple die langfristige Entwicklung der US-Staatsfinanzen. Für die kommenden zehn Jahre rechnet er mit jährlichen Haushaltsdefiziten zwischen sechs und acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Wenn die USA nominal um vier Prozent wachsen, gleichzeitig aber Haushaltsdefizite von sechs bis acht Prozent aufweisen, steigt die Schuldenquote sehr schnell“, warnt der Experte. Er bezweifle, dass Demokraten oder Republikaner bereit seien, die notwendigen Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzungen umzusetzen.Auch in Europa und Japan sieht Temple strukturellen Aufwärtsdruck auf die langfristigen Zinsen. In Europa komme die Finanzierung steigender Verteidigungsausgaben hinzu, während höhere Renditen japanischer Staatsanleihen internationale Kapitalströme verändern könnten. „Ich glaube, dass wir zu einem Zinsniveau zurückgekehrt sind, das im langfristigen historischen Vergleich normaler ist“, so Temple.
Eine Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen von sechs Prozent hält der Experte innerhalb des kommenden Jahres für unwahrscheinlich, auf Sicht von drei bis fünf Jahren dagegen für möglich. Eine etwas höhere Anleihegewichtung könne als defensives Gegengewicht zu Aktienmarktrisiken sinnvoll sein. Gegenüber 30-jährigen US-Staatsanleihen bleibt er als langfristige Anlage jedoch skeptisch.
China: Immobilienkrise belastet die Binnenwirtschaft
Auch China steht nach Temples Einschätzung vor strukturellen Herausforderungen. Die schwache Verbraucherstimmung sei vor allem auf die Immobilienkrise zurückzuführen. „Im durchschnittlichen chinesischen Haushalt sind rund 60 Prozent des Vermögens in Wohnimmobilien investiert“, erklärt Temple. In Metropolen wie Peking und Shanghai seien die Preise seit ihren Höchstständen um 37 Prozent gefallen, in Shenzhen um 44 Prozent.Die geldpolitischen Maßnahmen hätten bislang keine nachhaltige Belebung bewirkt. Statt neue Kredite aufzunehmen, konzentrierten sich viele Haushalte darauf, ihre Finanzen zu konsolidieren. Gleichzeitig verlagere sich das Wachstum von arbeitsintensiven Bereichen zunehmend auf automatisierte Zukunftsindustrien. Temple hält deshalb erhebliche fiskalische Impulse und strukturelle Reformen für erforderlich. Zudem erwartet er angesichts des hohen chinesischen Handelsüberschusses zunehmende Konflikte mit der Europäischen Union.
Anleger sollten über die USA hinausblicken
Aus den globalen Entwicklungen leitet Temple drei zentrale Überzeugungen ab: eine erneute Schwäche des US-Dollars im Jahr 2027, strukturell höhere langfristige Zinsen in den Industrieländern und eine bessere relative Wertentwicklung von Aktienmärkten außerhalb der USA. Die hohe Konzentration internationaler Portfolios auf US-Anlagen sei dabei ein wichtiger Faktor für die aktuelle Stärke des US-Dollars. Im MSCI All Country World Index entfielen zuletzt 63,6 Prozent auf US-Aktien, deren Bewertungen deutlich über denen vieler internationaler Wettbewerber lägen. Temple sieht ein potenzielles Abwertungsrisiko des US-Dollars, sollte sich der KI-Boom in den USA abschwächen.Besonders attraktiv bewertet Temple die Schwellenländer. „Ich halte Emerging Markets aus struktureller Sicht für den attraktivsten Aktienmarkt weltweit“, erklärt er. Das erwartete Gewinnwachstum sei mit dem der USA vergleichbar, verteile sich jedoch auf mehr Länder und Sektoren. Gleichzeitig könnten Anleger über Halbleiterhersteller in Taiwan und Südkorea weiterhin vom KI-Boom profitieren. „Ich erhalte ein diversifiziertes Gewinnwachstum, behalte mein Technologieengagement und bekomme in vielen Fällen solidere Staatsfinanzen, eine orthodoxere Geldpolitik und unterbewertete Währungen“, so Temple. Zudem würden Schwellenländeraktien ungefähr zum halben Kurs-Gewinn-Verhältnis des US-Marktes gehandelt.
Auch Japan sieht Temple positiv. Das Ende der Deflation, Reformen der Unternehmensführung und die Möglichkeit, dass japanische Haushalte künftig einen größeren Teil ihrer hohen Bargeldbestände investieren, sprächen für weiteres Aufwärtspotenzial.
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