AllianceBernstein | Aktienausblick: Wenig Spielraum für Fehler!
Nelson Yu, Head-Equities bei AllianceBernstein
- KI schafft Chancen, aber Risiken gibt es im Überfluss
Investmentfonds.de | Mega-Investitionen, Rekord-IPOs, Allokations-Stresstest: Künstliche Intelligenz schafft zu Beginn des zweiten Halbjahrs sowohl Wachstumserwartungen als auch Grund zur Sorge. „Zunehmender Wettbewerbsdruck hat US-Hyperskalierer dazu getrieben, ihre gesamte finanzielle Stärke dafür einzusetzen, sich einen Vorsprung zu verschaffen“, sagt Nelson Yu, Head—Equities von AllianceBernstein. „Entscheidend für die kommenden Monate wird jedoch nicht die Höhe der Investitionsausgaben, sondern die Entwicklung der Cashflows sein.“ Warum Anleger mit offenen Augen in das dritte Quartal gehen sollten und inwiefern sich ein stärkerer Fokus auf potenzielle Risiken auszahlen könnte, erklärt der Experte in seinem Marktkommentar.
Globale Aktien konnten sich im zweiten Quartal erholen. Vor allem, da das Vertrauen in den Investitionszyklus der künstlichen Intelligenz (KI) zugenommen hat. Gleich zu Beginn des dritten Quartals wird deutlich, dass die Märkte einen reibungslosen und profitablen KI-Ausbau bereits eingepreist haben, wodurch nur wenig Spielraum für Fehler bleibt. Die Aktien der „Glorreichen Sieben“ haben im Juni eine scharfe Kurskorrektur erfahren. Dies hat verdeutlicht, wie schnell die Stimmung umschlagen kann, wenn überhitzte KI-Trades nahezu makellos ausgeführt werden. Denn im zweiten Quartal stieg der MSCI ACWI-Index für globale Aktien um 14,9 Prozent. Diese Erholung verlief jedoch ungleichmäßig: bis in den Mai hinein waren die Aktien noch gestiegen. Im Juni gaben sie jedoch nach und die Volatilität nahm gegen Quartalsende zu. Dieses sprunghafte Muster spiegelt einen Aktienmarkt mit zwei Geschwindigkeiten wider. Die Märkte ringen damit, diese gegensätzliche Stimmung zwischen makroökonomischer Vorsicht und KI-Überzeugung in Einklang zu bringen.
KI-Ausbau: Wird Capex zu Gewinnen führen?
Die Begeisterung für KI trieb den Markt für den Großteil des zweiten Quartals an und steigerte die langfristigen Wachstumserwartungen. Dennoch weckt der Ausbau Bedenken. Hier lautet die grundlegende Frage für Investoren: Werden massive Investitionsausgaben (Capex) letztendlich attraktive Erträge generieren?
Der zunehmende Wettbewerb hat US-Hyperskalierer dazu getrieben, ihre gesamte finanzielle Stärke dafür einzusetzen, sich einen Vorsprung zu schaffen. Schätzungen gehen davon aus, dass die fünf ausgabenstärksten Unternehmen – Amazon, Microsoft, Alphabet (die Muttergesellschaft von Google), Meta Platforms und Oracle – auf dem besten Weg sind, im Jahr 2027 eine Billionen US-Dollar in KI-bezogene Investitionen zu stecken. Was einem Anstieg von 33 Prozent gegenüber den geschätzten Ausgaben für das Jahr 2026 und einer Steigerung von 96 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Jahr 2022 entspricht.
Die Markterwartungen spiegeln die neuen Ausgabenniveaus in den Technologiebranchen bereits wider. Doch die Wachstumsraten für die Bewertung von Aktien sind wichtiger als das absolute Niveau der Investitionsausgaben. Diese dürften dieses Jahr ihren Höhepunkt erreichen (Abbildung 1). Da sich das Ausgabenwachstum verlangsamt, dürften Anleger verstärkt darauf achten, ob Gewinne und Cashflows die Erwartungen erfüllen. In jedem Fall stehen die Cashflows unter Druck. Laut Prognosen wird die Generierung von freiem Cashflow (Free Cashflow, FCF) bei den Hyperskalierern im nächsten Jahr erstmals ins Negative rutschen. Selbst bei schnell wachsenden KI-Umsätzen wird mehr Zeit notwendig sein, um das Investitionsvolumen auszugleichen. Diese Trends könnten letztendlich die Profitabilität untergraben und die Bewertungen infrage stellen. Wie die Unternehmen mit diesen Dynamiken umgehen, wird darüber entscheiden, ob sie das Versprechen in Anlegererträge umsetzen können oder daran scheitern.
Rekord-IPOs: Finanzierung der nächsten Phase
Investoren prüfen derzeit auch eine Welle KI-bezogener Börsengänge (IPOs) sehr genau. Die Kernfrage ist hier, ob zukünftige Gewinne die Erwartungen rechtfertigen. Anthropic und OpenAI, zwei der führenden KI-Technologieunternehmen, werden voraussichtlich im Laufe dieses Jahres an die Börse gehen – obwohl sie derzeit noch keine Gewinne schreiben. Die Nachfrage nach diesen Börsengängen wird zeigen, ob die Anleger bereit sind, die nächste Phase der KI-Entwicklung zu finanzieren.
Die Marktstimmung wurde durch zwei große Aktienemissionen im zweiten Quartal verdeutlicht. Anfang Juni nahm Alphabet bei einer von Berkshire Hathaway unterstützten Aktienemission 85 Milliarden Dollar ein. Da sich die Finanzierung von KI auf öffentliche Märkte verlagert, werden Finanzierungsdisziplin und eine glaubwürdige Anlegerstory genauso wichtig wie technologische Stärke. Mitte Juni nahm Elon Musks SpaceX bei einem Rekord-Börsengang 75 Milliarden Dollar ein. Daraufhin erreichte die Marktkapitalisierung des Unternehmens mit 2,6 Billionen Dollar ihren Höchststand. Dieser Deal hat gezeigt, dass Anleger nach wie vor bereit sind, Spitzenpreise für das Potenzial bahnbrechender Technologien zu zahlen – selbst ohne greifbare Gewinne. Die hohe Handelsvolatilität nach dem Börsengang hat jedoch daran erinnert, wie schnell die Stimmung umschlagen kann.
Zielgerichtete Allokation in sich wandelnden Märkten
In dem derzeitigen Umfeld sollten Aktienanleger bewusster abwägen, wo sie aktives Risiko eingehen. Der KI-Ausbau schafft Chancen, aber hohe Bewertungen, steigende Emissionen und geldpolitische Unsicherheit lassen weniger Spielraum für Ungenauigkeiten. Verändern sich die Erwartungen könnte dies zusätzlich die Volatilität erhöhen. Passive Allokationen mit Engagement in Unternehmen, die die Erträge der Hauptindizes antreiben, eliminieren das Risiko nicht. Große Börsengänge könnten auch Benchmark-Überlegungen mit sich bringen, wenn neue Notierungen in wichtige Indizes aufgenommen werden. In solchen Fällen sollten untergewichtete Positionen ein Gleichgewicht zwischen der Überzeugung, die Aktie nicht zu halten, und dem relativen Risiko widerspiegeln.
Gleichzeitig sollte die Dominanz von KI nicht zu einer eindimensionalen Aktienplanung führen. Anleger sollten nach dauerhaften Ertragsquellen suchen, ohne eine binäre Wette auf den uneingeschränkten Erfolg von KI einzugehen. Das bedeutet ein besseres Management des relativen Benchmark-Risikos und ein stärkeres Engagement in aktiven Strategien die sich auf Märkte mit größerer Streuung, geringerer Benchmark-Konzentration und fundamentalem Wandel unter der Oberfläche fokussieren. Bezüglich KI sollten Anleger Unternehmen anhand ihrer fundamentalen Qualitäten beurteilen. Im Laufe der Zeit ist zu erwarten, dass Umsetzung, Kapitalallokation und Gewinnerzielung wichtiger für die Aktienerträge werden als ehrgeizige KI-Ausgabenpläne.
Stresstest für KI-Engagements
Insgesamt sollten Anleger mit offenen Augen in das dritte Quartal gehen. Es lohnt sich, die blinden Flecken eines Portfolios auf potenzielle Risiken zu untersuchen, anstatt sich ausschließlich auf mögliche Erträge von morgen zu konzentrieren. Das bedeutet, KI-Engagements einem Stresstest zu unterziehen, sich über überhitzte Trades hinaus breiter aufzustellen und sicherzustellen, dass jedes Portfolio eine definierte Rolle in einer Allokation hat. In einem Markt mit wenig Spielraum für Fehler zahlt es sich aus, Portfolios und Allokationen sorgfältig auf eine größere Bandbreite von Ergebnissen vorzubereiten, anstatt auf mehr vom Gleichen zu setzen.
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