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AllianceBernstein | KI und die Feuerprobe der Defensive
Kent Hargis, Chief Investment Officer im Strategic Core Equities-Team bei AllianceBernstein
- Microsoft, Amazon, Alphabet, AMD, TSMC, Panantir: Die aktuelle Berichtssaison zeigt, dass der KI-Boom längst nicht vorbei ist.
- Qualitätsaktien rücken weiter in den Hintergrund.
- Warum es eine Neudefinition von Qualität bei Aktien benötigt und was Anleger daraus schließen können
„Selbst wenn mehr in KI investiert wird, wird ihr Wachstum irgendwann langsamer“, sagt Kent Hargis, Investment-Experte bei AllianceBernstein. „Der Fokus wird sich dann von den Ausgaben der Hyperskalierern zur Nachhaltigkeit der Gewinne verschieben.“
Qualitätsorientiertes Investieren basiert schon immer auf einer einfachen Idee: Aktien von Unternehmen mit widerstandsfähigen Geschäftsmodellen und vorhersehbaren Gewinnverläufen entwickeln sich im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Marktumfeldern tendenziell gut – sofern sie zum richtigen Preis erworben werden. Solche Aktien waren oft ein wesentlicher Bestandteil langfristiger, defensiver Aktienstrategien, die der Marktvolatilität widerstehen sollen. Der heutige Markt stellt diese Prämisse jedoch auf die Probe. Künstliche Intelligenz (KI) befeuert einen der größten Investitionsbooms der jüngeren Vergangenheit und defensive Qualitätsaktien entwickeln sich derzeit unterdurchschnittlich. Das bedeutet aber nicht, dass Qualität ihre Relevanz verloren hat. Die aktuellen Bedingungen könnten allerdings eine Überarbeitung traditioneller Definitionen von Qualität erfordern.
KI hat die Sichtweise des Marktes auf Qualität verändert
Qualitätsaktien sind Unternehmen, die dauerhaft Renditen erzielen können und die über ihren Kapitalkosten liegen. Herausragende, qualitativ hochwertige Geschäftsmodelle finden sich in vielen Branchen bei profitablen Unternehmen, die ihr Kapital effektiv einsetzen. Dadurch können sie stabiles Wachstum und nachhaltige Gewinne erzielen (Grafik 1). In den vergangenen Jahren wurde der Begriff „Qualität“ zunehmend mit „Asset-Light“-Geschäftsmodellen in Verbindung gebracht. Also mit Unternehmen mit geringer Kapitalintensität in technologie- und dienstleistungsorientierten Branchen. Da sind beispielsweise Zahlungsdienstleister, Telemedizin-Anbieter und Cloud-Computing-Unternehmen, die im Hintergrund agieren – nicht glamourös, aber beständig. Gut geführte „Asset-Light“-Unternehmen haben ihre Fähigkeit, Umsatz zu generieren, nicht verloren. Sie können ihre Gewinne wie gewohnt steigern. Doch im heutigen, von KI geprägten Umfeld, haben sie etwas von ihrer Marktattraktivität eingebüßt.Anleger haben stattdessen die Bewertungen von Hyperskalierern, Chipherstellern und anlagenschweren Unternehmen, die Rechenzentren und Stromnetze bauen, in die Höhe getrieben. Kapitalintensive Unternehmen werden normalerweise nicht mit Qualität in Verbindung gebracht. Doch die starke Fokussierung des Marktes auf KI hat zu einer Diskrepanz zwischen kurzfristiger Kursführerschaft und langfristigen Qualitätsmerkmalen geführt. Deshalb haben Qualitätsaktien eine unterdurchschnittliche Performance gezeigt, während spekulative Wachstumsunternehmen eine überdurchschnittliche Performance erzielt haben. Zyklische Abwärtsbewegungen sind nicht ungewöhnlich. Und historisch gesehen hat sich die Qualität nach Marktverwerfungen auch wieder erholt (Grafik 2). Wie lange das angesichts des Ausmaßes des KI-Ausbaus dauern wird, bleibt allerdings abzuwarten.
KI-Wachstum wird langsamer, trotzt Investitionen
Anleger stehen jetzt vor der Herausforderung, einen zyklischen Aufschwung von dauerhaften strukturellen Veränderungen zu unterscheiden. Der derzeitige Markt bevorzugt zunehmend unsichere Wachstumschancen, die angetrieben werden vom Versprechen KI-getriebener Produktivitätssteigerungen. Und weniger die Wachstumschancen mit historischer Beständigkeit. Aber selbst wenn mehr in KI investiert wird, wird ihr Wachstum irgendwann langsamer. Wenn das eintritt, wird der Fokus weniger auf den Ausgaben der Hyperskalierern und mehr auf der Nachhaltigkeit der Gewinne liegen. Schließlich können KI-getriebene Investitionsausgaben zwar die Grundlage für zukünftiges Gewinnwachstum schaffen, aber auch den freien Cashflow schmälern und das Rentabilitätspotenzial schwächen.Wie Unternehmen mit diesen Veränderungen umgehen, entscheidet darüber, ob sie das Potenzial der KI nutzen können, um Anlegern Rendite zu bringen. Im Laufe der Zeit ist auch zu erwarten, dass Anleger den Bewertungen mehr Aufmerksamkeit schenken. Das wachsende Vertrauen in KI hat dazu geführt, dass die Märkte bereits einen reibungslosen und profitablen Ausbau einpreisen. Dadurch gibt es nur noch wenig Spielraum für Fehler. Das gilt insbesondere für ausgewählte Technologie- und Industrieunternehmen, die in der Produktion von Speicherchips und -medien tätig sind. Selbst fundamental attraktive Hyperskalierer müssen erst noch beweisen, dass sie die enormen Investitionen in die KI-Infrastruktur monetarisieren können.
Das Portfolio anpassen, nicht die Philosophie
Weil sich der Begriff "Qualität" verändert, sollte es möglich sein, mehr Chancen mit einem defensiven Aktienportfolio zu erreichen. Dabei müssen aber nicht die Grundprinzipien geändert werden. Das bedeutet, dass sich Anleger weiterhin an soliden Unternehmensgrundlagen orientieren sollten und gleichzeitig damit rechnen müssen, dass Qualitätswerte möglicherweise in andere Sektoren und Branchen abwandern. Derzeit scheint sich der Fokus bei der Qualität auf kapitalintensive Geschäftsmodelle zu verlagern. Das bedeutet jedoch nicht, dass die traditionellen Kennzeichen von Qualität verschwinden. Aktive Fondsmanager müssen ermitteln, welche anlagestarken Unternehmen vom zyklischen Aufschwung profitieren und welche besser positioniert sind, um langfristig von KI-Investitionen zu profitieren. Ebenso kann das Verständnis dafür, welche Qualitätsunternehmen am aktuellen Markt überverkauft sind, Auswirkungen auf künftige Renditen haben.Es ist beunruhigend, dass immer mehr Firmen die Marktführerschaft übernehmen, die man nicht kennt. Aber Qualitätsunternehmen werden weiterhin viel Geld verdienen und sind immer noch eine lohnende Investition. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der KI sind real und der dadurch ausgelöste Investitionszyklus wird die Aktienmärkte noch einige Zeit umgestalten. Doch kein Investitionszyklus verläuft ewig geradlinig. Da die Erwartungen steigen und die durch KI getriebenen Bewertungen zunehmen, müssen Anleger möglicherweise selektiver vorgehen und diejenigen Unternehmen auswählen, die enorme Investitionen in die KI-Infrastruktur in nachhaltige Gewinne umwandeln können. Das Ziel „Qualität” ist für Aktienanleger nicht verschwunden, doch sein Umfang könnte sich in einem Markt verändern, der zunehmend von einmaligen, generationenübergreifenden strukturellen Verschiebungen geprägt ist. Wenn Anleger Geduld haben, diszipliniert sind und sich mit den realen Herausforderungen auseinandersetzen, werden sie am Ende dafür belohnt.
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