27.09.2004
Sarasin: Studie - Nachhaltiges Investment in China
Köln, den 27.09.2004 (Investmentfonds.de) - Seit der Öffnung Chinas in den achtziger
Jahren für ausländische Investoren haben sich sämtliche Wirtschaftsdaten des Landes
positiv entwickelt. Zahlreiche internationale Unternehmen haben ihre Produktionsstätten
nach China verlegt und so waren die ausländischen Direktinvestitionen 2003 mit insge-
samt 53 Milliarden US-Dollar die höchsten weltweit. Doch spätestens seit den Protest-
aufrufen gegen große Sportartikelhersteller sind die China-Geschäfte internationaler
Unternehmen in die Kritik geraten. In ihrer neuen Studie prüft die Bank Sarasin, in-
wiefern das wirtschaftliche Verhalten von Unternehmen in China mit ihrer sozialen und
ökologischen Verantwortung in Einklang gebracht werden kann. Es zeigte sich, dass es
einige Beispiele einer „guten Praxis“ gibt, jedoch bleibt die Sicherstellung ange-
messener Arbeitsbedingungen eine Herausforderung.
Aufgrund des ungebrochenen Investitionsflusses westlicher Unternehmen entwickelt sich
China immer mehr zum globalen Spitzenreiter in der Produktion. So werden bereits mehr
als zwei Drittel der Fotokopierer und Computer-Motherboards in China hergestellt.
Allein in der ersten Hälfte des laufenden Jahres stiegen die Exporte um 36 Prozent
und der Börsenindex kletterte in den vergangenen drei Jahren um 150 Prozent. Die Kehr-
seite des wirtschaftlichen Aufstiegs sind die erheblichen sozialen Probleme und Umwelt-
risiken des Landes. Der Energieverbrauch Chinas steigt rapide an – bis 2025 wird das
Land seinen CO2-Ausstoß verdoppeln – und durch immer neue Fabrikanlagen nimmt die
Luft- und Wasserverschmutzung stetig zu. Unter den zehn Metropolen mit der weltweit
höchsten Schwefeldioxid-Konzentration finden sich gleich sieben aus dem Reich der Mitte.
Besonders gravierend und damit zentraler Aspekt der Sarasin-Studie sind die sozialen
Probleme des wirtschaftlichen Aufschwungs: So leiden die Menschen unter schlechten
Arbeitsbedingungen und sehr niedrigen Löhnen, die oft unter 60 US-Dollar im Monat liegen.
Das zentralistische Regierungssystem schränkt zudem Arbeitnehmerrechte wie die Bildung
unabhängiger Interessenvertretungen in Betrieben ein.
Da immer mehr Unternehmen in China produzieren, müssen sich nachhaltige Anleger mit
diesen ökologischen und sozialen Konsequenzen auseinandersetzen. Die auf nachhaltige
Kapitalanlagen spezialisierte Bank Sarasin & Cie AG, Basel, untersuchte in der Studie
„Made in China“ anhand von Unternehmensbeispielen, inwiefern es für Unternehmen in China
möglich ist, sozial und ökologisch verantwortlich zu handeln. Die 15 Beispielunternehmen
zeichnen sich insgesamt durch ein relativ hohes Engagement in Bezug auf Umwelt- und
Sozialthemen aus und decken ein breites Spektrum unterschiedlicher Branchen (Handel,
Bekleidung, Maschinenbau, Elektronik) und Länder (Europa, USA und Japan) ab. „Die so
gefundenen Beispiele einer ‚guten Praxis’ können als Messlatte für die Beurteilung
anderer Unternehmen mit China-Aktivitäten dienen“, erläutert Andreas Knörzer, Leiter
Sustainable Investment bei der Bank Sarasin. „Diese Unternehmen belegen zugleich, dass
selbst unter den gegebenen politischen Bedingungen in China eine Annäherung an soziale
wie ökologische Mindeststandards möglich ist.“
Reputationsrisiken für internationale Unternehmen
Diese ökologischen und sozialen Spannungsfelder, in denen sich die Unternehmen bewegen,
stehen immer häufiger im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. So kann unzureichendes
nachhaltiges Wirtschaften neben betrieblichen und gesetzlichen Risiken zu gravierenden
Reputationsproblemen für die Unternehmen führen. Da die lokalen Zulieferer im Zentrum
der Kritik stehen, ist es kaum verwunderlich, dass insbesondere Konsumgüterhersteller,
die in China produzieren lassen, in der Vergangenheit mit negativen Schlagzeilen über
ihre ethisch zweifelhaften Aktivitäten in Fernost konfrontiert wurden. Denn sie sind
stärker betroffen als Konzerne mit eigenen Produktionsstandorten in China, da lokale
Zulieferer in der Regel schlechter kontrolliert und beeinflusst werden können. Unternehmen
wie die deutsche Adidas-Salomon AG oder Handelsketten wie die britischen B&Q und Marks
& Spencer müssen sich daher am intensivsten mit den Risiken bei China-Investitionen
auseinander setzen. Die Studie zeigt aber auch, dass genau diese Unternehmen führend
in der Erfüllung nachhaltiger Kriterien sind.
„Gute Praxis“ fördert soziale Nachhaltigkeit
Um die „China-Risiken“ möglichst gering zu halten, achten die Unternehmen darauf, ange-
messene Umwelt- und Sozialstandards in ihrer Lieferkette einzuhalten. Positive Beispiele
aus der Konsumgüter und –elektronikbranche sind Adidas-Salomon, Hewlett-Packard und Marks
& Spencer. Sie achten auf soziale Mindestanforderungen bei den Lieferanten und setzen
zur langfristigen Verbesserung der sozialen Verhältnisse unterstützende Maßnahmen wie
Schulung und Beratung sowie Brancheninitiativen ein. So verfügt Marks & Spencer beispiels-
weise über ein formelles Auditing-Programm für seine Zulieferer, in dem Arbeitsbedingungen
wie Überstunden, Arbeitssicherheit und Arbeitnehmervertretungen überprüft werden. Adidas-
Salomon kündigte im vergangenen Jahr sogar die Zusammenarbeit mit einem lokalen Partner,
weil dieser gegen die sozialen Anforderungen des Unternehmens verstieß.
Die untersuchten Firmen mit eigenen Produktionsstandorten in China haben fast immer ein
konzernweites Umweltmanagement. Ein Beispiel ist das japanische Unternehmen Canon, das
im Reich der Mitte mit fast 20.000 Mitarbeitern Kameras, Bürogeräte und Zubehör produ-
ziert. Es hat für seine Werke spezifische Umweltprogramme mit strengen Richtlinien ent-
wickelt, die weit über den gesetzlichen Vorgaben liegen. Die meisten Unternehmen gaben
zudem an, Grundlöhne oberhalb des gesetzlichen Minimums zu zahlen und Sozialleistungen
mindestens im Rahmen der gesetzlichen Mindestanforderungen anzubieten. Dagegen hapert es
bei lokalen Unternehmen meist bei der Umsetzung der bestehenden Umwelt- und Sozialge-
setze.
Auch die Unternehmen, denen die Bank Sarasin eine „gute Praxis“ bescheinigt, konnten
einige Probleme nicht zufriedenstellend lösen. Aufgrund des Verbots unabhängiger Gewerk-
schaften sind insbesondere die Arbeitnehmerrechte nur unzureichend gewahrt. Zwar ver-
pflichten sich viele Unternehmen zur Einhaltung der Konventionen der Internationalen
Arbeitsorganisation ILO, die u.a. unabhängige Mitarbeitervertretungen vorsehen, aber
nur wenige haben versucht, die Arbeitnehmerrechte für ihre Mitarbeiter aktiv zu ver-
bessern. Dies gilt sowohl für die eigenen Fabriken als auch für ihre Lieferanten.
Adidas-Salomon hat z.B. in dessen Werken und bei Zulieferbetrieben Arbeitnehmeraus-
schüsse gebildet, die als Ansprechpartner für Arbeitssicherheit und Gesundheit dienen.
„Made in China“ bietet Chancen für nachhaltige Investments
Bei der nachhaltigen Bewertung eines Unternehmens sind die Risiken des China-Geschäfts
nur ein Teilaspekt neben Themen wie Produktsicherheit, Umweltfreundlichkeit der Produkte
oder Corporate Governance. Im Ratingsystem der Sarasin Sustainability Matrix stellt die
Beurteilung der China-Investitionen daher nur einen Teil der gesamten Nachhaltigkeits-
bewertung dar. Nachhaltige Investoren sollten wegen der bestehenden Probleme insbesondere
im Bereich der Arbeitnehmerrechte Konzernen mit signifikantem China-Geschäft generell
mit Vorsicht begegnen. Die verschiedenen Beispiele in der Sarasin-Studie „Made in China“
zeigen jedoch auch, dass einige Unternehmen den Kriterien nachhaltiger Investments
gerecht werden. Allen voran sind das Unternehmen aus der unlängst stark kritisierten
Handels- und Konsumgüterbranche. In diesem Sinne sind bei Investitionen in Unternehmen
mit Fernost-Engagement finanzielle Erfolge durchaus mit Umwelt- und Sozialverträglich-
keit vereinbar. „Der Kontakt mit den betroffenen Unternehmen im Rahmen der Nachhal-
tigkeitsanalyse trägt dazu bei, das Bewusstsein für die spezifische Problematik in China
zu erhöhen“, erklärt Dr. Eckhard Plinke, Leiter des Sustainability Research bei Sarasin.
So können nachhaltige Investoren durch ein aktives Investment in Unternehmen, die im
Sinne einer „guten Praxis“ in China wirtschaften, zur Förderung einer nachhaltigen Ent-
wicklung beitragen.
Quelle: Investmentfonds.de