Plenisfer Investments | Weltraumwirtschaft: Infrastruktur mit Wachstumspotenzial
Marco Mencini, Head of Research bei Plenisfer Investments, Teil von Generali Investments
- Datenübertragung als Engpass: Wachsende Datenmengen und knappe Funkfrequenzen treiben die Entwicklung der optischen Kommunikation voran. Laserkommunikation zählt zu den wichtigsten technologischen Fortschritten. Bis 2032 könnten mehr als 47.000 Laserterminals im Orbit sein.
- Unterschiedliche Wirtschaftslogiken: Bei Starts und Satellitenbetrieb sind die Anfangsinvestments hoch. Anbieter von Optik, Sensoren und missionskritischen Komponenten profitieren von hohen Eintrittsbarrieren, die Renditen hängen jedoch von Auslastung und Skaleneffekten ab.
- Vier Wachstumstreiber: (1) Datenwachstum und KI, (2) steigende Verteidigungsausgaben (europäische Raumfahrtbudgets 2025: +12 % auf 13,5 Mrd. Euro), (3) strategische Autonomie (z.B. EU-Programm IRIS²) sowie (4) Kommunikationssicherheit.
- Anlagechancen und Risiken: Chancen bestehen bei Trägerraketen und Antrieben, bei Optik und Satellitenkommunikation sowie in der Recheninfrastruktur. Die Abhängigkeit von staatlichen Programmen birgt jedoch Risiken durch Haushaltskürzungen und politische Kurswechsel.
Von der Raumfahrt zur strategischen Infrastruktur
Investmentfonds.de - Die Weltraumwirtschaft wird häufig mit ihren sichtbarsten Elementen verbunden: Raketen, Raumfahrtmissionen und großen Satellitenkonstellationen. Aus Investorensicht greift diese Betrachtung jedoch zu kurz. Der Raketenstart ist lediglich der Zugang zu einer deutlich breiteren Wertschöpfungskette, deren wirtschaftliches Potenzial zunehmend in Infrastruktur, Daten, Kommunikation und Rechenleistung liegt.Im Jahr 2025 belief sich das globale Upstream-Marktvolumen – einschließlich Raumfahrzeugbau und Startdienstleistungen – auf rund 75 Milliarden Euro. Der deutlich größere Downstream-Markt, zu dem unter anderem Satellitenkommunikation, Erdbeobachtung und Navigationsdienste zählen, erreichte rund 490 Milliarden Euro.¹
Auch die langfristigen Wachstumsperspektiven sind erheblich. Nach Einschätzung des World Economic Forum und von McKinsey könnte die globale Weltraumwirtschaft bis 2035 auf rund 1,8 Billionen US-Dollar wachsen, gegenüber 630 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023. Ein wesentlicher Wachstumstreiber ist dabei die zunehmende Verbreitung weltraumgestützter Technologien und Dienstleistungen.²
Der wirtschaftliche Schwerpunkt der Branche liegt damit zunehmend nicht in den Satelliten selbst, sondern in den Daten und Dienstleistungen, die durch die Infrastruktur im Orbit ermöglicht werden. Ihr Ausbau und Betrieb erfordern neben neuen Satelliten insbesondere Startkapazitäten, Sensoren, optische Systeme, Bodenstationen, Steuerungs- und Kontrollsoftware, Rechenkapazitäten sowie Sicherheitslösungen.
Die Weltraumwirtschaft entwickelt sich damit von einer Sammlung einzelner Projekte zu einer eigenständigen industriellen, digitalen und strategischen Infrastruktur.
Für Investoren verschiebt sich damit die zentrale Fragestellung: Nicht allein die Größe eines wachsenden Marktes ist entscheidend, sondern die Positionierung innerhalb der Wertschöpfungskette. Relevant ist insbesondere, welche Komponenten künftig unverzichtbar werden, wo strukturelle Engpässe entstehen und welche Unternehmen in der Lage sind, steigende Nachfrage nachhaltig in Umsatz, Margen und Cashflow zu übersetzen.
Die neue Architektur: Start, Kommunikation und Rechenleistung
Ein modernes Satellitennetzwerk lässt sich vereinfacht in drei wesentliche Infrastrukturebenen gliedern.Die erste Ebene ist der Zugang zum Weltraum. Trägerraketen und Antriebssysteme bestimmen die Kapazität, mit der Satelliten und andere Nutzlasten in den Orbit gebracht werden können.
Die zweite Ebene ist die orbitale Infrastruktur. Sie umfasst Satelliten und Nutzlasten ebenso wie Sensoren, Ausrichtungs- und Positionierungssysteme, hochentwickelte optische Systeme, Kommunikationsterminals und Verbindungen zwischen Satelliten.
Die dritte Ebene bilden Boden- und Recheninfrastruktur. Dazu zählen Gateways, Bodenstationen, Netzwerke, Cloud-Infrastruktur, Rechenzentren und die notwendige Rechenkapazität, um Satellitendaten zu verarbeiten und in nutzbare Anwendungen und Dienstleistungen zu überführen.
Eine entscheidende Verbindung zwischen diesen Ebenen ist die Datenübertragung – sowohl zwischen Satelliten im Orbit als auch zwischen Weltraum- und Bodeninfrastruktur. Mit zunehmender Datenmenge kann sie selbst zu einem strukturellen Engpass der Wertschöpfungskette werden.
Höhere Sensorauflösungen, häufigere Beobachtungen und eine steigende Zahl von Satelliten führen zu wachsenden Datenvolumina. Die klassische Hochfrequenzkommunikation bleibt unverzichtbar. Gleichzeitig treiben begrenzte Frequenzressourcen und der Bedarf an höheren Übertragungskapazitäten die Entwicklung optischer Kommunikationssysteme voran, die Informationen mittels Licht übertragen.
Eine Schlüsseltechnologie sind dabei Laserkommunikationssysteme. Bei vergleichbarer Masse und Baugröße können sie gegenüber Hochfrequenzsystemen deutlich höhere Übertragungskapazitäten ermöglichen und zugleich Vorteile bei Größe, Energieeffizienz und Datenübertragung bieten. Die hohe Richtwirkung der Laserstrahlen reduziert zudem Interferenzen und erschwert das Abfangen von Signalen.
Nach Schätzungen von Euroconsult könnten bis 2032 mehr als 47.000 Laserkommunikationsterminals im Orbit betrieben werden. Das entspräche einem kumulierten Marktvolumen von rund 6,5 Milliarden US-Dollar.³ Ein Teil dieses Marktes bleibt derzeit großen, vertikal integrierten Betreibern vorbehalten, die Komponenten für ihre eigenen Satellitennetzwerke entwickeln und fertigen. Gleichzeitig wächst das adressierbare Marktsegment für spezialisierte Zulieferer – getragen von der Nachfrage kommerzieller Betreiber und institutioneller Programme.
Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) entwickelt mit HydRON ein Projekt zur Demonstration eines über mehrere Umlaufbahnen verteilten optischen Netzwerks, das in terrestrische Netzwerke integriert werden und Übertragungsraten im Terabit-pro-Sekunde-Bereich ermöglichen soll. Ziel ist es, ein Datenübertragungsmodell ähnlich den terrestrischen Glasfasernetzen auf den Weltraum zu übertragen.⁴
Die Umsetzung stellt hohe technologische Anforderungen. Notwendig sind unter anderem eine extrem präzise Ausrichtung, hohe optische Stabilität, ein mit den jeweiligen Satellitenplattformen kompatibler Energieverbrauch sowie die Fähigkeit, stabile Verbindungen zwischen sich bewegenden Plattformen aufrechtzuerhalten. Solche Anforderungen erfordern spezialisiertes Know-how, entsprechende technische Qualifikationen und lange Entwicklungszyklen, die sich nur begrenzt verkürzen lassen.
Wo Wertschöpfung entstehen kann
Die einzelnen Segmente der Weltraumwirtschaft unterscheiden sich deutlich hinsichtlich Kapitalintensität, Skalierbarkeit und wirtschaftlicher Struktur.Startdienstleistungen, die serielle Satellitenproduktion und der Betrieb von Satellitennetzwerken erfordern erhebliche Anfangsinvestitionen. Die Kapitalrendite hängt in diesen Bereichen wesentlich von der Auslastung der Anlagen, der Missionsfrequenz, der Standardisierung von Prozessen und der Fähigkeit ab, Fixkosten auf steigende Produktions- und Auftragsvolumina zu verteilen.
Anders stellt sich die Situation bei hochentwickelten optischen Systemen, Sensoren, Laserterminals, Ausrichtungs- und Positionierungssystemen sowie geschäftskritischen Komponenten dar. Hier können technologische Spezialisierung und hohe Markteintrittsbarrieren eine wichtige Rolle spielen. Diese ergeben sich unter anderem aus geistigem Eigentum, hohen Anforderungen an Zuverlässigkeit und Fertigungspräzision sowie aufwendigen Kundenqualifizierungen.
In diesen Segmenten ist die Unternehmensgröße allein nicht ausschlaggebend für die Wettbewerbsposition. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Unternehmen eine Technologie bereitstellen kann, die innerhalb komplexer Programme nur schwer substituierbar ist.
Für die Wertschöpfung ist deshalb der Übergang von einer technologisch verfügbaren Lösung zur industriell skalierbaren Produktion von zentraler Bedeutung. Gerade an dieser Schnittstelle können sich technologische Kompetenz, Kundenqualifikation und Produktionsfähigkeit in nachhaltige Wettbewerbsvorteile übersetzen.
Vier langfristige Wachstumstreiber
Das strukturelle Wachstum der Weltraumwirtschaft wird durch das Zusammenwirken von vier langfristigen Trends unterstützt.1. Satellitendaten und künstliche Intelligenz
Satelliten liefern Daten für eine Vielzahl von Anwendungen – von Umwelt-, Landwirtschafts- und Infrastrukturmonitoring über Navigation und Logistik bis hin zum Katastrophen- und Notfallmanagement.Künstliche Intelligenz kann große Mengen an Bildern und Daten analysieren, Veränderungen und Anomalien erkennen und Rohdaten in verwertbare Erkenntnisse überführen.
Damit entsteht eine direkte Verbindung zwischen Raumfahrt und KI: Je größer die Menge und Frequenz der erhobenen Daten, desto höher der Bedarf an Übertragungs-, Speicher- und Rechenkapazität.
2. Verteidigung und Sicherheit
Ein zweiter struktureller Treiber sind steigende Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit. Im Upstream-Markt stammen rund 80 % der Nachfrage aus dem institutionellen Bereich, der derzeit vom Verteidigungssektor dominiert wird. 2025 stiegen die europäischen Raumfahrtbudgets um 12 % auf 13,5 Milliarden Euro, maßgeblich getrieben durch höhere nationale Verteidigungsausgaben.⁵Diese Entwicklung unterstützt sogenannte Dual-Use-Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können. Optische Systeme, Sensoren, moderne Elektronik und Kommunikationstechnologien lassen sich über unterschiedliche Märkte hinweg einsetzen. Für Unternehmen kann dadurch ein breiteres adressierbares Marktpotenzial entstehen, sofern sie ihre Technologien an unterschiedliche operative Anforderungen anpassen können.
3. Strategische Autonomie
Ein dritter Treiber ist das Streben nach strategischer Autonomie. Das europäische Programm IRIS² für sichere Satellitenkonnektivität sieht eine Multi-Orbit-Konstellation mit 348 Satelliten vor. Ziel ist die Bereitstellung resilienter Kommunikationslösungen für Regierungen, Sicherheits- und Rettungsdienste, Unternehmen und Bürger.Die entsprechende Umsetzungsvereinbarung wurde im August 2026 geschlossen; die ersten Starts sind ab 2029 vorgesehen.⁶
Strategische Autonomie betrifft dabei nicht nur die Verfügbarkeit von Satelliten. Sie umfasst auch die Kontrolle über Schlüsseltechnologien und industrielle Kapazitäten, die für deren Betrieb erforderlich sind – von elektronischen Komponenten und optischen Systemen über Fertigungskapazitäten bis hin zu Bodeninfrastruktur und Kommunikationssicherheit.
4. Sicherheit der Kommunikation
Mit der zunehmenden Abhängigkeit von satellitengestützter Infrastruktur steigt auch die Bedeutung von Datensicherheit und unterbrechungsfreien Kommunikationsdiensten.Optische Kommunikation, Cybersicherheit und längerfristig Quantentechnologien könnten daher zu Bestandteilen künftiger Netzwerkarchitekturen werden. Ihre Integration in satellitenbasierte und terrestrische Kommunikationssysteme könnte dazu beitragen, sensible Informationen und kritische Infrastrukturen zu schützen – insbesondere vor dem Hintergrund der Fortschritte im Quantencomputing.
Die ESA weist darauf hin, dass Satelliten dazu beitragen könnten, sichere Kommunikationsverbindungen über kontinentale Entfernungen hinweg bereitzustellen.⁷
Zusammengenommen können diese vier strukturellen Treiber mehrjährige Programme unterstützen und die Nachfrage nach Weltrauminfrastruktur, Kommunikations- und Rechenkapazitäten über einen längeren Zeitraum fördern.
Investmentchancen entlang der Wertschöpfungskette
Aus dieser Entwicklung ergeben sich potenzielle Chancen in unterschiedlichen Segmenten der Wertschöpfungskette, die jeweils eigene industrielle und wirtschaftliche Charakteristika aufweisen.Ein erstes Segment bilden Unternehmen aus den Bereichen Trägerraketen und Antriebssysteme, die den Zugang zum Orbit ermöglichen.
Ein zweites Segment umfasst Anbieter von hochentwickelten optischen Systemen, Sensoren, Ausrichtungs- und Positionierungssystemen sowie Satellitenkommunikation. Gerade spezialisierte Technologien können innerhalb komplexer Raumfahrtprogramme eine hohe strategische Bedeutung erlangen.
Ein drittes Segment ist die Recheninfrastruktur. Satellitendaten entfalten ihren wirtschaftlichen Wert erst durch ihre Verarbeitung und die Überführung in konkrete Anwendungen und Dienstleistungen.
Für Investoren ist daher eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Wertschöpfungsstufen entscheidend. Im Mittelpunkt stehen Unternehmen, deren Technologien und Dienstleistungen mit dem Ausbau der orbitalen Infrastruktur an Bedeutung gewinnen könnten.
Bei der Unternehmensanalyse sind unter anderem folgende Faktoren relevant:
- Technologische Differenzierung und geistiges Eigentum
- Technische Qualifikationen und Kundenfreigaben
- Kundenkonzentration und Abhängigkeit von einzelnen Programmen
- Laufzeit und Finanzierungsstruktur bestehender Aufträge
- Fähigkeit, Aufträge in tatsächlichen Umsatz zu überführen
- Skalierbarkeit und Industrialisierung der Produktion
- Kapitalbedarf und Kapitalintensität
- Fähigkeit zur nachhaltigen Cashflow-Generierung
Gleichzeitig sind die spezifischen Risiken einer Abhängigkeit von staatlichen Raumfahrt- und Verteidigungsprogrammen zu berücksichtigen. Veränderungen bei den Prioritäten öffentlicher Ausgaben, Budgetkürzungen oder Anpassungen nationaler und europäischer Programme können dazu führen, dass bestehende oder geplante Projekte verzögert, verändert oder in geringerem Umfang finanziert werden.
Bewertung bleibt entscheidend
Auch bei strukturellen Wachstumsthemen bleibt die Bewertung ein zentraler Bestandteil der Investmentanalyse. Ein langfristiger Wachstumstrend allein rechtfertigt keine beliebige Bewertung – insbesondere nicht bei Unternehmen mit langen Projektlaufzeiten, hoher Kapitalintensität und erheblichen Ausführungsrisiken.Die entscheidende Frage für Investoren ist daher nicht allein, wie stark die Weltraumwirtschaft wächst, sondern welche Unternehmen innerhalb dieser Entwicklung eine dauerhaft relevante Position einnehmen können.
Im Fokus stehen Unternehmen, deren Technologien und Dienstleistungen für den Ausbau der Weltrauminfrastruktur von wesentlicher Bedeutung sind und die zugleich über die Fähigkeit verfügen, diese Position in nachhaltige Umsätze, attraktive Margen und belastbare Cashflows zu übersetzen.
¹ Quelle: Europäische Weltraumorganisation (ESA), ESA Space Economy Report 2026, 13. Juli 2026.
² Quelle: World Economic Forum und McKinsey & Company, Space: The $1.8 Trillion Opportunity for Global Economic Growth, April 2024.
³ Quelle: Analyse von Plenisfer Investments auf Grundlage von Schätzungen von Euroconsult und Marktdaten zur Laserkommunikation. Die dargestellten Prognosen sind Schätzungen und keine tatsächlich erzielten Ergebnisse.
⁴ Quelle: Europäische Weltraumorganisation (ESA), HydRON – High Throughput Optical Network Demonstration System, 2025.
⁵ Quelle: Europäische Weltraumorganisation (ESA), ESA Space Economy Report 2026, 13. Juli 2026.
⁶ Quelle: Agentur der Europäischen Union für das Weltraumprogramm (EUSPA), Commission accelerates IRIS² deployment with enhanced security and expanded satellites network, 7. August 2026.
⁷ Quelle: Europäische Weltraumorganisation (ESA), Quantum Technologies.
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