Lazard AM | EU und China: Warum ein Kompromiss bei Autoimporten den Handelskonflikt nicht lösen dürfte
Ron Temple, Chief Market Strategist von Lazard AM
Investmentfonds.de - Frankfurt, 14. Oktober 2026 – Im Handelskonflikt zwischen der Europäischen Union und China zeichnet sich eine erste konkrete Annäherung ab. Beide Seiten haben sich grundsätzlich auf eine Begrenzung chinesischer Exporte von Hybrid- und Plug-in-Hybridfahrzeugen in die EU verständigt. Nach Angaben der EU-Kommission sollen die Einfuhren künftig auf zunächst 350.000 Fahrzeuge pro Jahr begrenzt werden. Die Obergrenze soll anschließend jährlich um sechs Prozent steigen. Doch trotz dieser Fortschritte bleibt der grundlegende Handelskonflikt ungelöst. Aus Sicht von Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, reichen die Spannungen zwischen beiden Wirtschaftsräumen weit über die Automobilindustrie hinaus. Er rechnet mit weiteren handelspolitischen Maßnahmen der EU gegen chinesische Importe.
„Die jüngsten Gespräche zwischen der EU und China sind ein ermutigendes Signal. Allerdings ist noch unklar, wie weit die erzielte Verständigung tatsächlich reicht“, sagt Temple. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič habe nach den Verhandlungen erklärt, beide Seiten hätten ein gemeinsames Verständnis über eine Begrenzung chinesischer Hybrid- und Plug-in-Hybridexporte erzielt. Dadurch könnten die entsprechenden Ausfuhren in die EU um mehr als die Hälfte zurückgehen. Die anschließende Mitteilung des chinesischen Handelsministeriums sei allerdings deutlich zurückhaltender ausgefallen. Sie habe lediglich auf die Fortsetzung der Gespräche im Rahmen der Regeln der Welthandelsorganisation verwiesen.
Handelsungleichgewicht erhöht den Druck auf Europa
Hinter dem Konflikt stehen aus Temples Sicht grundlegende wirtschaftliche Spannungen. Das Handelsdefizit der EU im Warenhandel mit China belief sich 2025 auf rund 360 Milliarden Euro. Zugleich nehme der Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter in zahlreichen Industriezweigen zu, die für die europäische Wirtschaft von zentraler Bedeutung seien. China habe in den vergangenen Jahren nicht nur bei Automobilen, sondern auch bei Chemikalien und Werkzeugmaschinen weltweit deutlich Marktanteile hinzugewonnen. Zudem könnte China auch in wertschöpfungsintensiven Branchen wie der Biopharmazie künftig eine stärkere Position einnehmen.Deutschland und Frankreich hätten deshalb zuletzt gemeinsam eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, um europäische Lieferketten widerstandsfähiger zu machen, Abhängigkeiten von einzelnen Handelspartnern zu reduzieren und europäische Industrien besser vor unfairem Wettbewerb zu schützen.
„Die Auseinandersetzung beschränkt sich längst nicht mehr auf einzelne Produkte oder Branchen“, erklärt Temple. „Für Europa geht es zunehmend darum, wie sich die eigene industrielle Wettbewerbsfähigkeit sichern und gleichzeitig die Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten verringern lässt.“
Ein wichtiger nächster Schritt dürfte das Treffen des Europäischen Rats am 15. und 16. Oktober sein. Dort könnten weitere Weichen für den handelspolitischen Kurs der EU gestellt werden. Zudem arbeite die Europäische Kommission an einer sogenannten „DiversifyEU“-Strategie, die strategische Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten verringern soll. Deren Vorstellung sei am 17. und 18. Dezember vorgesehen.
Entscheidend ist, wie weit die EU gehen will
Temple bleibt trotz der jüngsten Gesprächsfortschritte zurückhaltend: „Ein Kompromiss bei Hybridfahrzeugen wäre ein positiver Schritt. Er würde aber nicht automatisch die grundlegenden Spannungen im Handel zwischen Europa und China beseitigen.“Es gelte nun abzuwarten, ob die EU tatsächlich neue Maßnahmen gegen chinesische Importe ergreife, wie breit diese angelegt würden und wie entschieden China darauf reagiere. „Von diesen Entscheidungen wird wesentlich abhängen, ob sich die jüngste Annäherung zu einer breiteren Entspannung entwickelt oder der Handelskonflikt in eine neue Phase eintritt“, fasst Temple zusammen.
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