ODDO | CIO View: Mit hoher Wachsamkeit Chancen am Aktienmarkt wahrnehmen
ODDO BHF SE
- Robuste Unternehmensgewinne bleiben das Fundament der Aktienmärkte
- Nasdaq-Korrektur: Märkte bewerten Risiken neu
- Diversifikation und Qualität bewähren sich in der Korrektur
- Das Global Investment Committee hält an der moderaten Aktienübergewichtung fest
Berichte Technologieunternehmen
In den USA haben mittlerweile etwa drei Viertel der Unternehmen im S&P 500 über das dritte Quartal berichtet. Nach den starken Zahlen des Vorquartals war das Potenzial für weitere positive Überraschungen begrenzt. Dennoch blieb das Ertragswachstum überdurchschnittlich stark, und eine große Mehrheit der Unternehmen übertraf die Prognosen. Die positiven Überraschungen fielen zwar geringer aus, und auch die Aufwärtsrevisionen für das geschätzte Gewinnwachstum blieben moderat. Gegenüber Ende September verbesserte sich das erwartete Gewinnwachstum für das dritte Quartal bislang nur leicht von 29,1 auf 30,2 Prozent. Das ist kein neuer Ergebnissprung, bestätigt aber die grundsätzliche Ertragsstärke der US-Unternehmen.Enttäuschungen gab es insbesondere im Kommunikationssektor, wo die Ergebnisse von z. B. Alphabet und Meta, teilweise aufgrund von Sonderfaktoren, hinter den hohen Erwartungen zurückblieben. Andere Technologieunternehmen veröffentlichten dagegen solide Zahlen. Informationstechnologie und Energie liefern weiterhin hohe Gewinnbeiträge. Entscheidend ist jedoch die größere Marktbreite: Das Gewinnwachstum wird weniger allein von den großen Technologiewerten getragen. Nach bisherigem Stand melden alle elf Sektoren steigende Gewinne. Das macht den Aufschwung widerstandsfähiger und reduziert die Abhängigkeit des Gesamtmarktes von wenigen hoch bewerteten Unternehmen.
Hohe Investitionen in Künstliche Intelligenz
An den Märkten zeigt sich diese Verbreiterung in der stärkeren Entwicklung breiterer Indizes wie des Russell 2000 oder des gleichgewichteten S&P 500. In den vergangenen Jahren wurde der S&P 500 maßgeblich von wenigen Schwergewichten der „Magnificent Seven“ getrieben. Dieses Verhältnis hat sich zuletzt gedreht. Hohe Investitionen in Künstliche Intelligenz werfen bei einigen Technologiekonzernen zunehmend Fragen zu Margen, Cashflows und Kapitalrenditen auf. Gleichzeitig überwinden viele andere Unternehmen ihre Gewinnschwäche und stützen den Markt. Für Anleger spricht dies aus unserer Sicht für eine breitere Aufstellung und sorgfältige Titelauswahl.Die jüngste Marktbewegung
Die jüngste Marktbewegung verlangt dennoch eine nüchterne Einordnung. Der Nasdaq verlor innerhalb eines Tages 5,5 Prozent und liegt inzwischen mehr als 10 Prozent unter seinem Rekordstand vom 6. Oktober. Der S&P 500 gab 4,4 Prozent nach, der Dow Jones rund 3,4 Prozent. Besonders stark traf die Korrektur Halbleiterwerte. Auch die technologielastigen Börsen in Japan, Südkorea und Taiwan reagierten deutlich. Der Rückgang war heftig, verlief bislang aber geordnet.Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen einer Neubewertung hoher Erwartungen und einer grundlegenden Verschlechterung der Fundamentaldaten. Die Gewinnprognosen wurden bislang nicht wesentlich nach unten revidiert. Der Markt stellt die strukturelle Nachfrage nach künstlicher Intelligenz nicht grundsätzlich infrage. Er hinterfragt vielmehr, wo und in welchem Tempo neue Rechenzentren gebaut werden können, wie sie finanziert werden, woher die benötigte Energie kommt und welche Unternehmen aus den hohen Investitionen langfristig attraktive Cashflows und Kapitalrenditen erzielen.
Zusätzliche Unsicherheit entstand nach den US-Zwischenwahlen durch mögliche strengere Vorgaben für Genehmigungen, Stromanschlüsse und den Ausbau von Rechenzentren, insbesondere auf Ebene der Bundesstaaten. Dieses Risiko ist ernst zu nehmen, sollte aber nicht überzeichnet werden. Auf Bundesebene begrenzen das präsidiale Vetorecht und hohe politische Hürden den Spielraum für schnelle, weitreichende Änderungen. Auf Ebene der Bundesstaaten können Projekte verzögert oder an andere Standorte verlagert werden. Wahrscheinlicher sind daher zusätzliche Reibungsverluste und längere Realisierungszeiten als ein Ende des amerikanischen KI-Investitionszyklus.
Positiv ist, dass die Diversifikation funktioniert hat. Anleihen profitierten von rückläufigen Renditen. Dies spricht gegen eine ungeordnete Flucht aus Risikoanlagen und bestätigt den Mehrwert breit diversifizierter Portfolios. Die Aktienquote darf deshalb nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Zusammenspiel mit Anleihen, Liquidität und weiteren stabilisierenden Bausteinen.
Die aktuellen Geschäftszahlen haben nicht die gleiche Durchschlagskraft wie im Vorquartal, bestätigen aber die Unternehmensgewinne als wichtiges Fundament. Nach den jüngsten Rücksetzern sind die Bewertungen von ihren Höchstständen zurückgekommen. Aktien sind damit nicht pauschal günstig, bei vielen Unternehmen sind die Einstiegskurse jedoch attraktiver geworden. Ein Teil der Sorgen über Inflation, Zinsen, Geopolitik und hohe KI-Investitionen dürfte inzwischen berücksichtigt sein. Das taktische Chance-Risiko-Verhältnis hat sich unseres Erachtens verbessert, ohne ein uneingeschränkt positives Marktbild zu rechtfertigen.
Börsennotierte Unternehmen in Europa
Auch in Europa präsentieren sich die börsennotierten Unternehmen überwiegend positiv. Die Aufwärtsbewegung fällt allerdings weniger breit aus als an der Wall Street. Für die Unternehmen des STOXX 600 zeichnet sich dennoch ein solides Gewinnplus ab. Schwach bleiben zyklische Konsumwerte, insbesondere die Automobilbranche, während Grundstoff- und Technologieunternehmen zulegen können. Europas Aktienmarkt ist den Fundamentaldaten nach niedriger bewertet als der US-Markt. Wegen der geringeren Wachstumsdynamik sowie politischer und fiskalischer Risiken bleibt das Global Investment Committee regional selektiv. Die günstigere Bewertung allein reicht uns nicht aus, um Europa gegenüber den USA zu bevorzugen.Spreu vom Weizen trennen
Im Technologiesektor beginnt sich die Spreu vom Weizen zu trennen. Hohe Investitionen allein reichen nicht mehr aus. Entscheidend ist, welche Unternehmen daraus attraktive Cashflows und Kapitalrenditen erzielen. Zugleich macht das erhöhte Zins- und Renditeniveau Anleihen im Vergleich zu Aktien wieder attraktiver. Das spricht gegen pauschalen Optimismus und für einen qualitätsorientierten Investmentansatz.Die Inflation bleibt ein wesentlicher Risikofaktor. Die Preisentwicklung hat sich zwar von ihren Höchstständen entfernt, liegt aber weiterhin über den Zielwerten der Zentralbanken. Eine erneute Eskalation des Konflikts mit dem Iran oder an der Straße von Hormus könnte Energiepreise und Inflation wieder antreiben und die Konjunktur belasten. Hinzu kommen politische Unsicherheit und mögliche kurzfristige Marktreaktionen rund um die US-Zwischenwahlen. Diese Risiken können zusätzliche Schwankungen auslösen und müssen in der Positionierung berücksichtigt werden.
Das langfristige Bild hat sich damit nicht grundlegend verändert, wohl aber das kurzfristige Marktumfeld. Vor diesem Hintergrund hält das Global Investment Committee an der Ende Oktober beschlossenen moderaten Aktienübergewichtung fest. Ausschlaggebend bleiben das solide Wirtschaftswachstum, die kräftige und breiter werdende Gewinndynamik, attraktivere Einstiegskurse und das insgesamt verbesserte taktische Chance-Risiko-Verhältnis. Die jüngste Korrektur ist für sich genommen kein Grund, Qualitätsanlagen in einer Stressphase zu verkaufen. Ebenso wenig rechtfertigt sie derzeit eine weitere pauschale Erhöhung des Aktienrisikos. Innerhalb der Aktienallokation bevorzugen wir weiterhin den US-Markt sowie Unternehmen mit soliden Bilanzen, verlässlichen Cashflows und nachvollziehbaren Bewertungen.
Unser Aktienübergewicht ist bewusst moderat. Gerade in Phasen hoher Volatilität halten wir an unserem Investmentprozess fest: Kurzfristige Marktbewegungen werden weder ignoriert noch zum Anlass für hektische Richtungswechsel genommen. Wir analysieren die Entwicklung an den Aktien-, Anleihe-, Kredit- und Währungsmärkten fortlaufend und eng, überprüfen Gewinnschätzungen, Bewertungen, Liquidität und Risikokonzentrationen und passen die Portfolios an, wenn sich das fundamentale Bild oder das Chance-Risiko-Verhältnis wesentlich verändert. Disziplin, Diversifikation und die klare Unterscheidung zwischen kurzfristiger Volatilität und strukturellen Veränderungen bleiben dabei entscheidend.
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