Eurizon | Die neue Wette auf China lautet: Effizienz
Stephen Li Jen, CEO, Eurizon SLJ Capital
Investmentfonds.de - Die Entwicklung der globalen Gleichgewichte und die Rolle der Schwellenländer In den letzten Jahren hat sich das globale Umfeld tiefgreifend gewandelt, geprägt von einem allmählichen Übergang von einer überwiegend kooperativen Phase hin zu einer Phase, die zunehmend von einer Logik des strukturellen Wettbewerbs bestimmt wird, insbesondere zwischen den beiden Großmächten USA und China. Mit Blick auf die Zukunft ist davon auszugehen, dass wichtige globale Akteure wie China, die Vereinigten Staaten, Europa und die Schwellenländer zunehmend in ein System konfliktreicher Entwicklungen in den Bereichen Politik, Wirtschaft und technologische Innovation eingebunden sein werden. In diesem Zusammenhang müssen sich auch die Schwellenländer an die laufenden Veränderungen anpassen und eine klarer definierte Rolle im globalen Wettbewerb einnehmen, wie dies bereits von Ländern wie Südkorea und Taiwan im Technologiesektor veranschaulicht wird. Die Gründe für Investitionen in Schwellenländer und der Anlageansatz In einem Umfeld tiefgreifender struktureller Veränderungen stehen Anleger vor der Herausforderung, ihre Anlageperspektiven global zu erweitern, und Schwellenländer stellen eine wichtige Quelle für Chancen dar.
Erstens verschwimmt die Unterscheidung zwischen Schwellen- und Industrieländern zunehmend: Volkswirtschaften wie Taiwan und Südkorea weisen ein Pro-Kopf-BIP in US-Dollar auf, das mit dem Deutschlands bzw. Italiens vergleichbar ist. Allgemeiner betrachtet werden Schwellenmärkte weiterhin zu deutlich attraktiveren Bewertungen gehandelt als weiter entwickelte Regionen. Dies wird auch durch die nebenstehende Grafik veranschaulicht, die den positiven Zusammenhang zwischen erwartetem Gewinnwachstum und Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) zeigt. Grundsätzlich sollten Sektoren oder Länder mit höherem Gewinnwachstum höhere Bewertungskennzahlen aufweisen. Ein genauerer Blick auf die dargestellten Märkte zeigt jedoch, dass viele Schwellenländer – wie Taiwan, Südkorea und der Technologiesektor in Hongkong (dargestellt durch die roten Punkte) – ein starkes Gewinnwachstum mit Bewertungen verbinden, die im Vergleich zu den Fundamentaldaten weiterhin unterbewertet sind.
Angesichts dieser Überlegungen stellt sich eine eher operative Frage hinsichtlich der Methoden für den Zugang zu Schwellenmärkten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, dass traditionelle Schwellenländerindizes vor vielen Jahren erstellt wurden und die aktuellen Bedingungen nicht mehr angemessen widerspiegeln, da sie sehr heterogene Realitäten umfassen und dazu neigen, „qualitativ hochwertige“ Anlagestories nicht zu honorieren. Die in den nachstehenden Grafiken dargestellten Daten zeigen, dass in den Schwellenländern die obersten 10 % der Unternehmen eine deutlich höhere Performance erzielt haben als der Gesamtindex; auf dem europäischen Markt erscheint dieser Unterschied jedoch deutlich geringer.
Aus diesen Gründen erscheint ein Zugang zu Schwellenmärkten über einen selektiven Ansatz, der einzelne Unternehmen hoher Qualität bevorzugt, vorteilhafter als ein breiteres, allgemeineres Engagement im Gesamtindex.
Chinas Comeback und das neue Entwicklungsmodell
Nach einer schwierigen Phase markierte das Jahr 2020 einen Wendepunkt in der wirtschaftspolitischen Ausrichtung Chinas, mit einer allmählichen Verlagerung von einem wachstumsmaximierenden Modell hin zu einem Modell, das auf Strukturreformen und mehr Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Eines der wichtigsten Elemente dieser Reformphase war die Verkleinerung des Immobiliensektors, die darauf abzielte, das Entwicklungsmodell wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Risiken des Platzens einer Blase zu verringern, ähnlich derjenigen, die die japanische Wirtschaft Anfang der 90er Jahre traf.Die chinesische Wirtschaft wird heute von einem anderen Motor als in der Vergangenheit angetrieben, nämlich der Technologie. In diesem Zusammenhang ist der technologische und wirtschaftliche Wettbewerb mit den USA ein Schlüsselelement für die Interpretation industriepolitischer Entscheidungen und Investitionsmöglichkeiten. Chinas Strategie lässt sich mit dem sogenannten „80/20“-Ansatz zusammenfassen: das Erreichen eines sehr hohen Anteils an technologischer Leistungsfähigkeit (80 %) bei deutlich geringeren Kosten (20 %). Dieser Ansatz zeigt sich deutlich sowohl in der Robotikindustrie als auch im Ökosystem der künstlichen Intelligenz, wo chinesische Lösungen in der Regel nicht durch absolute technologische Führungspositionen, sondern durch ihre hohe Effizienz im Hinblick auf das Preis-Leistungs-Verhältnis wettbewerbsfähig sind (DeepSeek).
Für Investoren bedeutet dieser Ansatz eine andere Sichtweise auf den globalen Technologiewettbewerb: nicht einfach ein Wettstreit zwischen Gewinnern und Verlierern, sondern ein Umfeld, in dem operative Effizienz und Umsetzungsgeschwindigkeit eine zunehmend zentrale Rolle in der Dynamik der Wertschöpfung spielen.
Veränderungen des chinesischen Wirtschaftssystems und Chancen am Aktienmarkt
Aus Sicht des Aktienmarktes bietet China dank der Besonderheiten seines Wirtschaftssystems attraktive Anlagechancen. Eine der wichtigsten Quellen für den Wettbewerbsvorteil der chinesischen Wirtschaft liegt in ihrer hohen Effizienz, nicht nur in Bezug auf die Kosten, sondern auch in operativer Hinsicht. Die Fähigkeit, schneller und unter günstigeren wirtschaftlichen Bedingungen als andere Länder zu produzieren, führt zu einem erheblichen Rentabilitätspotenzial, insbesondere für exportorientierte Unternehmen. In den letzten Jahren hat der exportorientierte Sektor eine bedeutende Entwicklung durchlaufen und sich von der Produktion mit geringer Wertschöpfung hin zu technologisch fortschrittlichen Gütern wie Elektrofahrzeugen und Lösungen für die Energiewende verlagert. Dieser Strukturwandel hat die Wettbewerbsposition vieler chinesischer Unternehmen auf den globalen Märkten gestärkt und sie für internationale Investoren zunehmend attraktiv gemacht. Eine weitere Stärke ist die Robustheit der Lieferkette, die insbesondere in den letzten fünf bis sieben Jahren ausgebaut und gefestigt wurde. China hat ein ganzheitliches, integriertes industrielles Ökosystem aufgebaut, das ein breites Spektrum an Branchen abdeckt, von Rohstoffen über künstliche Intelligenz und Robotik bis hin zu neuen Energien. Diese Struktur bietet ein hohes Maß an Flexibilität und eine verbesserte Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Marktszenarien.Ein weiterer struktureller Faktor, der den chinesischen Aktienmarkt stützt, ist die schiere Größe der Wirtschaft; in mehr als 40 Industriezweigen hält China über 50 % des globalen Marktanteils. Diese Größe führt zu einer erheblichen Verhandlungsmacht beim Kostenmanagement sowie zu einer zunehmenden Preissetzungsmacht mit positiven Auswirkungen auf Margen und Gewinne. Vor diesem Hintergrund stellen die eher exportorientierten chinesischen Sektoren eine sehr interessante Anlagechance dar, die durch die Auswahl von Unternehmen genutzt werden kann, die sich durch eine hohe „Preissetzungsmacht“ in ihren jeweiligen Branchen auszeichnen. Mittel- bis langfristig betrachtet ist technologische Innovation ein weiterer fundamentaler Treiber des chinesischen Aktienmarktes. Investitionen in Forschung und Entwicklung sind landesweit weit verbreitet und schaffen die Voraussetzungen für neue technologische Umbrüche in verschiedenen Sektoren, wie beispielsweise bei Elektrofahrzeugen, Batterien, Halbleitern und KI.
Die Rolle des chinesischen Anleihemarktes als „sicherer Hafen“
Der chinesische Anleihemarkt hat ein Gesamtvolumen von etwa 25 Billionen Dollar. Das Hauptunterscheidungsmerkmal gegenüber den Anleihemärkten der Industrieländer ist seine geringe Volatilität, die strukturell unter 3 % in lokaler Währung liegt. Dieses Profil macht chinesische Anleihen nicht nur innerhalb von Multi-Asset-Portfolios besonders effektiv, sondern auch als Kernkomponente von Anleihenportfolios, da sie erheblich zur allgemeinen Stabilität und zu einer Verbesserung des Risiko-Rendite-Profils beitragen. Darüber hinaus zeigt die empirische Analyse der letzten acht Jahre (seit Auflegung des Eurizon Fund – Bond Aggregate RMB), dass chinesische festverzinsliche Wertpapiere in Phasen der Risikoaversion eine besonders hohe Widerstandsfähigkeit bewiesen haben und sich damit als wirksames Diversifizierungsinstrument bestätigt haben.Aus Kreditsicht erscheint das Umfeld nun günstiger als in der jüngsten Vergangenheit. In den letzten drei bis vier Jahren hat China die Neuausrichtung des Immobiliensektors schrittweise, aber entschlossen vorangetrieben, wobei sich Zahlungsausfälle auf bestimmte Bereiche konzentrierten. Der Prozess ist nun weitgehend abgeschlossen: Schwächere Emittenten haben den Markt verlassen, während die verbleibenden Emittenten über stärkere Fundamentaldaten verfügen. Selbst im Segment der Local Government Financing Vehicles (LGFVs) ist der Markt insgesamt „ausgewogener“ und weniger anfällig als in anderen Bereichen des globalen Kreditmarktes. Im Vergleich zu den Industrieländern, wo die Kreditspreads nach Jahren besonders günstiger Bedingungen weiterhin eng sind und wo die Sorgen im Zusammenhang mit privaten Krediten zunehmen, erscheint das Kreditrisiko in China relativ begrenzt.
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