Lazard AM | KI-Infrastruktur: Warum Rechenzentren nicht automatisch attraktive Infrastrukturinvestments sind
Bertrand Cliquet, Portfoliomanager der Strategien Lazard Global Listed Infrastructure und Global Equity Franchise bei Lazard AM
Investmentfonds.de - Frankfurt, 8. Oktober 2026 – Der Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI) verändert nach Einschätzung von Bertrand Cliquet, Portfolio Manager/Analyst im Global Listed Infrastructure-Team bei Lazard Asset Management, auch den Blick auf Infrastrukturinvestments. Zwar steige durch KI der Bedarf an Stromnetzen, Datenübertragung und digitaler Infrastruktur. Anleger sollten daraus jedoch nicht den Schluss ziehen, dass jedes KI-nahe Infrastrukturthema automatisch ein attraktives Investment sei.
Aus Sicht von Cliquet zeigt sich die Wirkung von KI an mehreren Stellen des Infrastrukturmarktes. Stromversorger und Netzbetreiber könnten davon profitieren, dass Rechenzentren an die Stromnetze angeschlossen werden müssen und dafür zusätzliche Übertragungs- und Verteilnetze erforderlich seien. Betreiber von Mobilfunkinfrastruktur könnten von steigendem Datenverkehr profitieren, etwa durch KI-fähige Smartphones und neue datenintensive Anwendungen. Auch Satelliteninfrastruktur werde zunehmend relevanter, weil sich die Nachfrage von klassischer Videoübertragung hin zu schnellen Datenverbindungen, Cloud-Anbindungen, Edge Computing und Anwendungen für Behörden und staatliche Institutionen verlagere.
Gleichzeitig warnt Cliquet vor überzogenen Erwartungen: „KI schafft zweifellos zusätzliche Nachfrage nach Infrastruktur“, so der Experte. „Entscheidend ist aber, wo diese Nachfrage auf Geschäftsmodelle mit planbaren, langfristigen Cashflows trifft – und wo sie lediglich in einem sehr wettbewerbsintensiven Markt stattfindet.“
Rechenzentren sind nicht automatisch attraktive Infrastrukturinvestments
Besonders kritisch sieht Cliquet die Einordnung von Rechenzentren. Obwohl sie in der öffentlichen Diskussion häufig als zentrale KI-Infrastruktur gelten, erfüllen sie aus Sicht des Portfoliomanagers jedoch einige Kriterien für langfristig stabile und planbare Infrastrukturinvestments nicht. Erstens seien sie in der Regel keine natürlichen Monopole. Der Markt sei jung, stark wachsend und von vielen neuen Anbietern geprägt. Dadurch könne der Wettbewerb intensiv bleiben und die Preissetzungsmacht begrenzt sein. Zweitens bestehe ein relevantes Technologierisiko. Wenn sich die Effizienz von Rechenleistung verbessere oder sich die Anforderungen der Nutzer veränderten, könne künftig weniger physische Fläche benötigt werden als heute erwartet. Drittens bestehe langfristig das Risiko eines Überangebots an Kapazitäten, wenn zu viele Anbieter gleichzeitig neue Rechenzentren bauten. In einem solchen Umfeld könnten Auslastung und Kapitalrenditen unter Druck geraten.„Rechenzentren sind für die KI-Wertschöpfungskette wichtig, aber sie sind nicht automatisch attraktive Infrastrukturinvestments“, sagt Cliquet. „Viele dieser Geschäftsmodelle haben kürzere Vertragslaufzeiten, geringere Eintrittsbarrieren und stärkere technologische Risiken als die Infrastruktursegmente, auf die wir uns konzentrieren.“
Hinzu komme, dass große Cloud- und IT-Dienstleister eine starke Verhandlungsposition hätten. Sie seien wichtige Ankermieter, könnten aber gerade deshalb erheblichen Einfluss auf Vertragsbedingungen und Preise ausüben. „Für Infrastrukturinvestoren ist nicht nur das Nachfragewachstum relevant“, sagt Cliquet. „Mindestens genauso wichtig ist die Frage, wer langfristig die Wertschöpfung abschöpft.“
Profiteure können außerhalb der offensichtlichen KI-Themen liegen
Für Anleger bedeute dies, dass sie den KI-Trend im Infrastrukturbereich differenziert betrachten sollten. „Die naheliegendsten Profiteure sind nicht zwingend die attraktivsten Investments“, so der Experte. Interessant könnten stattdessen Unternehmen sein, die für den Ausbau digitaler Infrastruktur unverzichtbar seien, deren Erträge aber stärker reguliert, vertraglich abgesichert oder durch monopolähnliche Strukturen geschützt würden.Dazu zählen nach Einschätzung von Cliquet insbesondere Teile der Stromnetz- und Versorgungsinfrastruktur. Der Ausbau von KI-Anwendungen und Rechenzentren erhöhe den Bedarf an Netzanschlüssen, Übertragungsleitungen und lokaler Verteilinfrastruktur. In vielen Fällen seien die zugrunde liegenden Cashflows reguliert oder zumindest langfristig besser planbar als in stärker wettbewerbsintensiven Technologiemärkten.
Auch Kommunikationsinfrastruktur könne von der zunehmenden Datennutzung profitieren. Hier komme es jedoch ebenfalls auf die Qualität der Geschäftsmodelle, die Vertragsstruktur, die regulatorischen Rahmenbedingungen und die Bewertung an. „Der KI-Boom ersetzt keine Fundamentalanalyse“, betont Cliquet. „Er macht sie eher wichtiger.“
Inflation und Zinsen erhöhen die Anforderungen an die Auswahl
Der aktuelle Marktzyklus verstärke diese Selektivität zusätzlich. Höhere Anleiherenditen und anhaltende Inflationsrisiken könnten zinssensitive Infrastrukturwerte belasten, während Segmente mit regulierten oder langfristig abgesicherten Cashflows vergleichsweise widerstandsfähig bleiben dürften.Cliquet erwartet, dass die Inflation noch über längere Zeit oberhalb der Zielkorridore vieler Zentralbanken liegen könnte. Für bestimmte Infrastruktursegmente könne dies positiv sein, sofern die Cashflows inflationsgebunden seien oder höhere Preise über regulierte Tarife und langfristige Verträge weitergegeben werden könnten. Besonders relevant sei dies bei Mautstraßen, Flughäfen, Eisenbahnen und Versorgern außerhalb der USA. Bei US-amerikanischen Versorgern sollten die Folgen höherer Inflation dagegen vorsichtiger beurteilt werden.
„Infrastruktur kann in einem inflationären Umfeld Vorteile bieten, aber auch hier gilt: Es kommt auf die konkrete Regulierung, die Vertragsstruktur und die Bewertung an“, sagt Cliquet.
Nicht der Trend entscheidet, sondern die Cashflow-Qualität
Aus Sicht von Cliquet könne der Ausbau von KI ein wichtiger Wachstumstreiber für Infrastrukturanlagen sein. Langfristig sei aber entscheidend, ob ein Unternehmen über eine stabile Nachfrage, Preissetzungsmacht, überschaubare Verschuldung und langfristig planbare Erträge verfüge.„Die wichtigste Frage ist nicht, ob ein Unternehmen irgendwie mit dem KI-Trend verbunden ist, sondern ob diese Verbindung zu langfristig verlässlichen Cashflows führt“, fasst Cliquet zusammen. „Genau dort liegt aus unserer Sicht der Unterschied zwischen einem Hype-Thema und einem wirklich attraktiven Infrastrukturinvestment.“
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