Schroders | Verzerrte Aktienmärkte – eine einmalige Chance bei Quality Compoundern
Simon Webber, Head of Global Equities bei Schroders
Investmentfonds.de | Aktive globale Aktieninvestoren haben derzeit eine überzeugende Gelegenheit: Sie können die chronische Kurzsichtigkeit des Marktes für sich nutzen.
Eine zentrale Erkenntnis unserer „Growth Gap"-Investmentphilosophie ist, dass Marktteilnehmer den Endwert herausragender Unternehmen systematisch unterschätzen. Bei der Beurteilung der langfristigen Wachstumsaussichten besonders leistungsfähiger Unternehmen blicken Investoren routinemäßig nicht weit genug in die Zukunft. Sie unterstellen eine standardisierte, lineare Abschwächung von Wettbewerbsvorteilen und Wachstum, während die Realität oft eine andere ist: Gut geführte Unternehmen mit Wettbewerbsvorteilen können in besonderer Weise vom Zinseszinseffekt auf das eingesetzte Kapital („Compounding“) profitieren. Diese Unternehmen reinvestieren Kapital erfolgreich bei hohen Grenzrenditen, was es ihnen erlaubt, stärker zu wachsen, als es die Annahmen des Marktes vorsehen, die eine Rückkehr zum langjährigen Mittelwert („Mean Reversion“) zugrunde legen. Diese „Core"-Investmentfälle finden sich in fast allen Branchen, und ihre langfristigen Renditen haben unsere Portfolios seit langem getragen.
Die Chance am Aktienmarkt, diese Kurzsichtigkeit auszunutzen, war selten überzeugender. Unmittelbar nach der COVID-19-Pandemie wurden diese stetigen, schneller wachsenden Compounder stark gesucht, was ihre Bewertungsprämie in die Höhe trieb und unsere erforderliche Sicherheitsmarge komprimierte. Heute ist das Gegenteil der Fall. Ein bedeutender Regimewechsel hat stattgefunden: Die Bewertungsprämie für hochwertige Compounder hat sich drastisch komprimiert. Das hat die typischen Bewertungen deutlich näher an den breiteren Marktdurchschnitt herangerückt, als es historische Normen vorsehen würden.
Der Auslöser für diese entkoppelte Bepreisung ist eine weitverbreitete Angst vor Veränderung – vor der Disruption etablierter Burggräben (Wettbewerbsvorteile) durch generative KI und den neuen Wettbewerb, den diese Technologie ermöglicht. Der Markt preist derzeit bei vielen dieser Unternehmen ein sehr niedriges Wachstum ein, doch die Geschichte und unsere eigene Fundamentalanalyse legen nahe, dass diese Angst in vielen Fällen unbegründet ist. Diese schwere strukturelle Bewertungsverzerrung stellt eine seltene Gelegenheit für disziplinierte, langfristig orientierte Quality-Growth-Investoren dar.
Marktdynamik 2026: der dreigliedrige Aktienmarkt
Um den heutigen Aktienmarkt zu verstehen, ist es hilfreich, ihn in drei breite, unterschiedliche Kategorien zu unterteilen.Kategorie 1: Die Gewinner der künstlichen Intelligenz (KI-Infrastruktur und Large-Language-Model-Unternehmen)
Diese Gruppe umfasst die Wertschöpfungskette der KI-Infrastruktur, Hardware-Anbieter und Entwickler von KI-Modellen. Diese Aktien zeigen weiterhin eine kräftige Dynamik, gestützt durch robuste Geschäftsfundamentaldaten, positive Gewinnrevisionen und starkes Umsatzwachstum. Viele KI-getriebene Unternehmen gehören bereits heute zu jenen, die die erwartete Abschwächung übertreffen oder es in Zukunft tun werden. Sie können daher sowohl als Core-Compounder als auch als Quality-Growth-Aktien betrachtet werden. Tatsächlich zeigt sich im heutigen Aktienmarkt eine bemerkenswerte Besonderheit: die Konzentration auf Technologieunternehmen mit extrem hoher Profitabilität und Reinvestitionsquote.Das Tempo der Entwicklung – und damit das Ausmaß der Chance und der erforderlichen Infrastruktur im KI-Bereich – hat Investoren kontinuierlich positiv überrascht. Das macht diese Gruppe zu einem klassischen „Growth Gap"-Fall, bei dem sowohl kurz- als auch langfristige Prognosen weiterhin nach oben korrigiert werden. Während der Ausblick für die absehbare Zukunft stark bleibt, handelt es sich bei diesen Unternehmen größtenteils um stark kapitalinvestitionsgetriebene Geschäftsmodelle. Investoren müssen sich bewusst bleiben, dass das Wachstum erheblich nachlassen und die Wettbewerbsintensität deutlich zunehmen wird, sobald der weltweite Ausbau von Rechenzentren und KI-bezogener Hardware-Infrastruktur ein angemessenes Angebotsniveau erreicht. Unsere Portfolios waren und sind in dieser Gruppe durchgehend übergewichtet, und wir bleiben positiv gestimmt, beobachten aber genau, ob sich diese Gruppe einem reiferen Stadium nähert.
Kategorie 2: Sachwert-Investments und „sichere Häfen"
Diese Gruppe umfasst überwiegend Versorgungsunternehmen, Grundstoffe, bestimmte anlagenintensive Industrieunternehmen, Telekommunikationsnetze und große Bankinstitute mit großen Bilanzen. Diese Aktien wurden neu und deutlich höher bewertet, da Investoren Kapital in jene Bereiche verschoben haben, denen sie eine geringe direkte Exponierung gegenüber der KI-Disruptionsdebatte zuschreiben. Essenzielle physische Infrastruktur und Sachanlagen sind etwas, das KI nicht ohne Weiteres ersetzen oder mit dem sie konkurrieren kann, weshalb Kapital als Schutz vor den (vermeintlich) von Disruption betroffenen Unternehmen in diese sicheren Häfen geflossen ist.Allerdings birgt die Neueinstufung anlagenintensiver Aktien ohne eine zugrunde liegende, fundamentale Verbesserung der Kapitalrendite (ROIC) ein erhebliches Risiko. Die über das eingesetzte Kapital hinaus gezahlte Bewertungsprämie muss letztlich in künftigen Jahren durch Renditen über den Kapitalkosten wieder erwirtschaftet werden. In den meisten Fällen ist der ROIC jedoch nicht im gleichen Maße gestiegen wie die Bewertungen. Da Investoren in vielen Fällen nun eine überhöhte Prämie rein für temporären Schutz gezahlt haben, ist der langfristige Ausblick für diese Gruppe strukturell deutlich weniger attraktiv geworden.
Auch Banken waren in den vergangenen Jahren ein sehr starker Sektor und werden von vielen Analysten in die Kategorie der „KI-Gewinner" eingeordnet. Die Theorie besagt, dass Banken KI nutzen können, um Kosten zu senken und so das Kosten-Ertrags-Verhältnis und die Gewinne zu verbessern. Das Problem mit dieser Hypothese ist, dass diese Kostenvorteile vorübergehend sind. Das Bankgeschäft ist eine wettbewerbsintensive Branche, und Übergewinne werden typischer durch Wettbewerb reduziert. Darüber hinaus dürfte KI die globale Wirtschaft grundlegend neu ordnen, was zur Gründung neuer Unternehmen und zu mehr Unternehmensinsolvenzen führt. Auch Arbeitsplätze werden sich verschieben, mit ungewissen Auswirkungen auf Beschäftigung und Arbeitsmärkte. Das sind keine guten Entwicklungen für künftige Kreditausfälle, und wir können davon ausgehen, dass sich der Kreditzyklus von den heutigen Tiefstständen bei der Risikovorsorge der Banken normalisieren wird. Banken könnten dabei leicht vom Korb der „KI-Gewinner" in den Korb der „KI-Verlierer" wechseln. In der Summe glauben wir, dass die implizierten Erwartungen für diese Gruppe der Sachwert-Investments und sicheren Häfen zu hoch sind.
Kategorie 3: Die in Ungnade gefallene Gruppe der „Quality Growth"-Werte (oder „KI-Verlierer")
Dieses Segment stellt den Kern unseres Fokus für Alpha-Generierung dar und ist wahrscheinlich die größte Einzelchance in globalen Aktien heute. Der Markt hat diese oft hochwertigen Geschäftsmodelle aggressiv abgewertet und ihre Bewertungen komprimiert, da er strukturelle Obsoleszenz, langsameres Wachstum oder einen vernachlässigbaren Endwert einpreist.Generative KI wird zweifellos grundlegend die Art und Weise verändern, wie gearbeitet wird, und eine Welle neuen Wettbewerbs durch agile Start-ups auslösen, die Zielmärkte auf neue Weise angehen. Doch außergewöhnliche Unternehmen verlassen sich nicht allein auf statische Markteintrittsbarrieren und ruhen sich nicht auf ihren Lorbeeren aus; jene, die das tun, werden unvermeidlich scheitern. Stattdessen investieren Spitzenunternehmen aktiv, passen sich an und entwickeln sich weiter. Sie werden ihre etablierten Wettbewerbsvorteile, tiefe Workflow-Integration und starke Kundenbeziehungen nutzen, um neue KI-gestützte Produkte einzusetzen, die ihre bestehende Nutzerbasis besser bedienen. Wer diese Unternehmen, die diesen Übergang erfolgreich bewältigen können, identifiziert, wird aufgrund der aktuell niedrigen Bewertungen ausgiebig belohnt werden.
Die Bewertungsspanne für die besten Unternehmen nähert sich nun Tiefstständen, wie seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gesehen, wie die folgende Abbildung zeigt, was die Chance in diesen Aktien verdeutlicht, sollten sie die Zweifler widerlegen.
Abbildung 1: Bewertungsspannen in entwickelten Märkten (ohne USA) – oberstes Quintil im Vergleich zum Marktdurchschnitt, 1987 bis April 2026
Quelle: Empirical Research Partners per April 2026.
Fazit: Eine enorme Chance bei Core-Compoundern
Da unser Investmentprozess auf Fundamentaldaten und Core-Growth-Investments fokussiert ist, war die Divergenz zwischen den Kategorien „sichere Häfen" und „KI-Verlierer" eine Herausforderung für die jüngste Performance der meisten Strategien, die unser Team verwaltet. Die kurzfristige Underperformance unserer Quality-Growth-Positionen wurde überwiegend durch die Kompression der Bewertungsmultiplikatoren getrieben, nicht durch eine Verschlechterung der grundlegenden Ertragskraft der Unternehmen oder des ausgewiesenen Wachstums.Die Abwertung von Qualität bedeutet, dass wir in sehr hochwertige Unternehmen investieren können – Unternehmen mit hohen Kapitalrenditen, starker Profitabilität und geringer Verschuldung – und das zu seit mehreren Jahrzehnten nicht gesehenen niedrigen Bewertungen. Gleichzeitig ermöglicht das dem Portfolio, insgesamt weniger in Value-Merkmalen untergewichtet zu sein. Das ist ein attraktives Profil.
Nach umfassender Recherche haben wir das Engagement in unseren Portfolios reduziert und Positionen verkauft, bei denen wir ein echtes Disruptionsrisiko oder einen wesentlichen Anstieg des Wettbewerbsdrucks erkennen. Wo wir den Ausblick als stark oder sogar als sich beschleunigend einschätzen, haben wir unser Engagement erhöht; unsere höhere Überzeugung hat sich generell in größeren Positionsgrößen niedergeschlagen.
Die Fixierung des Marktes auf reine KI-Infrastruktur auf der einen Seite und geopolitische Rohstoff-Absicherungen auf der anderen Seite hat eine bemerkenswerte strukturelle Chance in den Bewertungen erstklassiger, Cashflow-starker globaler Unternehmen geschaffen. Wir glauben, dass Investoren über das kurzfristige Makro-Rauschen hinwegsehen und sich auf die Fundamentaldaten der langfristigen Vermögensbildung konzentrieren sollten. Hohe Prämien für anlagenintensive sichere Häfen oder zyklische Komponenten auf dem Höhepunkt ihrer Angebotsverknappung zu zahlen, ist eine risikoreiche Strategie, die historische Zyklen routinemäßig bestraft haben. Umgekehrt bietet der Kauf von Unternehmen mit hoher Kapitalrendite, die aktiv digitale Fähigkeiten anpassen und integrieren, zu komprimierten, marktdurchschnittlichen Multiplikatoren eine erhebliche Sicherheitsmarge und positioniert Kapital für überlegene langfristige Realrenditen.
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