Mediolanum International Funds | Hochzinsanleihen: Zwischen fallenden Engeln und fallenden Messern
Martin Reeves, Leiter Hochzinsanleihen bei Mediolanum International Funds
Investmentfonds.de | Dublin, 30. Juni 2026. Auf den ersten Blick sehen Hochzinsanleihen attraktiv aus: Rund 7,0 Prozent Rendite in US-Dollar und etwa 5,5 Prozent in Euro sind Niveaus, die viele Anleger anziehen. Doch der Schein trügt: Die Kompensation für das eingegangene Risiko ist begrenzt, und schon ein normaler Ausfallzyklus könnte den Ertrag weitgehend aufzehren. Gerade in einem solchen Umfeld kann die Jagd nach den höchsten Renditen gefährlich sein. Wenn die Sorge vor steigenden Ausfällen zunimmt, weiten sich die Risikoaufschläge am Markt für Hochzinsanleihen aus. Besonders stark unter Druck geraten dann häufig jene Anleihen, die zuvor vor allem wegen ihrer hohen Rendite attraktiv wirkten. Doch wie wahrscheinlich sind Ausfälle und welche Strategien sollten Anleger bevorzugen?
Ausfallraten könnten steigen – aber nicht überall
Auf den ersten Blick wirkt das Umfeld nicht dramatisch. Die Ertragslage vieler Unternehmen zeigt sich bislang stabil, und auch das US-Wachstum bleibt solide. Dennoch nehmen die Risiken zu: Höhere Energiepreise belasten Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen, während Europa wirtschaftlich hinter den Erwartungen zurückbleiben könnte. Das wahrscheinlichste Szenario ist daher keine breite Rezession, sondern eine Phase schwächeren globalen Wachstums.In einem solchen Umfeld dürften die Ausfallraten zwar steigen, sich aber auf bestimmte Ratingsegmente und Sektoren konzentrieren. Besonders anfällig erscheinen schwächere Ratingsegmente wie B und CCC sowie Unternehmen, deren Geschäftsmodelle stark von günstiger Finanzierung, hohen Wachstumserwartungen oder dauerhaft optimistischen Kapitalmärkten abhängen. Entscheidend ist damit nicht nur, ob die Ausfallraten steigen, sondern welche Art Unternehmen betroffen sind. Der Markt dürfte stärker zwischen robusten und anfälligen Geschäftsmodellen unterscheiden. Für Anleger wird die Auswahl einzelner Emittenten wichtiger als eine pauschale Allokation in Hochzinsanleihen.
Risikofaktor KI-Euphorie
Die Euphorie rund um künstliche Intelligenz (KI) zeigt sich längst nicht mehr nur an den Aktienmärkten. Sie reicht inzwischen auch in die Finanzierung der notwendigen Infrastruktur hinein: Selbst Unternehmen mit High-Yield-Rating können derzeit Kapital für Rechenzentren aufnehmen – die Dimensionen sind jedoch historisch ungewöhnlich und die künftigen Erträge noch unsicher. Das erinnert in Teilen an die Finanzierungsdynamik während der Dotcom-Blase zu Beginn des Jahrtausends.Doch selbst wenn es im KI-Sektor keine deutliche Korrektur gibt, verändert die Technologie bereits ganze Geschäftsmodelle. Der Zugang zu sehr günstigen Coding-Kapazitäten setzt vor allem den Softwaresektor unter Druck. Schon die bloße Sorge vor höheren Risiken kann ausreichen, um Anleihen mit einem schwächeren Rating unter Druck zu setzen und die Refinanzierung für anfällige Emittenten deutlich zu erschweren.
Struktureller Druck auf einzelne Branchen
Neben makroökonomischen Risiken tritt struktureller Wandel stärker in den Vordergrund. Veränderte Konsumgewohnheiten, etwa der Trend zu gesünderer Ernährung, könnten große Hersteller stark verarbeiteter Lebensmittel belasten. Auch Papierunternehmen und Personaldienstleister stehen unter Druck, letztere zusätzlich durch die Folgen künstlicher Intelligenz.Solche Entwicklungen könnten eine Welle sogenannter Fallen Angels auslösen, also Herabstufungen von Investment Grade-Emittenten in den hochverzinslichen Bereich. Einige dieser Anleihen könnten nach der Herabstufung attraktive Chancen bieten. Andere dürften dagegen eher fallenden Messern gleichen.
Besonders deutlich zeigen sich strukturelle Risiken im Automobilsektor. Die traditionellen Hersteller stehen besonders unter Druck durch technologischen Wandel, die Energiewende, Zollkonflikte und veränderte globale Handelsströme. Sollten chinesische Autobauer einen ähnlichen Erfolg erzielen wie japanische Hersteller vor einigen Jahrzehnten, dürften Verbraucher profitieren – nicht jedoch die Bilanzen vieler etablierter Hersteller.
Private Credit: Begrenztes Risiko oder systemischer Belastungsfaktor?
Ein weiterer Risikofaktor ist das starke Wachstum von Private Credit. Viele schwächere Unternehmen – auch aus dem Software-Bereich – sind heute nicht nur über Anleihen, sondern auch über Private Credit und Leveraged Loans finanziert. Zugleich findet sich die Anlageklasse zunehmend in Fondsstrukturen und auf den Bilanzen einiger Versicherer. Steigen dort die Ausfälle, könnte dies die Risikobereitschaft im breiteren Markt für Unternehmensfinanzierungen belasten.Da Private-Credit-Anlagen nicht laufend an liquiden Märkten gehandelt werden, reagieren ihre Bewertungen oft erst verzögert auf steigende Risiken. Viele Positionen bleiben nahe pari, solange keine konkreten Ausfälle eintreten. Dadurch können Verluste lange verdeckt bleiben und erst spät sichtbar werden. Sollte sich zeigen, dass Private-Credit-Anlagen stärker nach Marktpreisen bewertet werden müssten, würde dies ihren ursprünglichen Reiz infrage stellen.
Ohne einen deutlichen Konjunkturabschwung dürften die Probleme zwar auf das Segment begrenzt bleiben. Für einzelne Investoren und Versicherungsbilanzen könnten sie dennoch schmerzhaft werden. Gleichzeitig könnte eine solche Entwicklung dazu führen, dass Anleger wieder stärker auf handelbare Anleihen setzen.
Qualität vor Renditejagd
Hochzinsanleihen bieten derzeit nur eine begrenzte Kompensation für die wachsenden Risiken. Der Ausblick für die Ausfallraten ist zwar nicht dramatisch, aber die Zahl potenzieller Belastungsfaktoren nimmt zu. Für Anleger ist dies ein anspruchsvolles Umfeld. Jetzt braucht es Erfahrung, Sektorverständnis und eine sorgfältige Emittentenauswahl.Qualitativ stärkere High-Yield-Emittenten dürften diese Phase vergleichsweise gut überstehen und angemessene Erträge liefern. Die größeren Risiken liegen dagegen in den Segmenten B und CCC, wo Volatilität zunehmen und Kurse unter Druck geraten könnten. Gleichzeitig könnte genau diese Entwicklung den Boden für spätere Chancen bereiten. Wenn Angst Anleger dazu bringt, auch überlebensfähige Anleihen zu verkaufen, könnten sich 2027 wieder deutlich attraktivere Einstiegsmöglichkeiten eröffnen. Bis dahin gilt: Im Markt für hochverzinsliche Anleihen kann weniger Rendite der bessere Weg sein, um langfristig mehr zu erhalten.
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